Bavarian Bounce: Volksmusikalische Partyhymnen

Das Münchener Duo Schlachthofbronx vermengt verschiedene Dancefloorstile mit Volksmusik. Dabei muss der Bass fett sein und der Beat kicken, damit die Club tanzt.

Schlachthofbronx: Ihr Stil wird als Munich Bass, Bavarian Bounce, Afro-Schranz, Ethno-Gabba, Polka Step oder Ghetto Rave bezeichnet. Bild: denis pernath/promo

Nein, sie basteln ihre Tracks nicht im Münchner Schlachthofviertel. Ganz Künstlerklischee, trifft man das Duo Schlachthofbronx in Schwabing an. In einem kleinem Abteil eines Kellerstudios haben sie sich mit einem Laptop, einem Computer und einigen Synthesizern eingerichtet.

"Das Prinzip", sagt Bene, die eine Hälfte von Schlachthofbronx, "ist uralt: Beat, Break, Beat, Break. Nur die Zutaten sind anders." Tatsächlich unterscheiden sich die Ingredienzien eines Schlachthofbronx-Tracks von dem, was in den letzten Jahren der perfekte Mix für den Club-Tanzboden war.

Straight outta Schwabing

Die Liste der Elemente, die von ihnen integriert werden, ist lang und in ihrer eklektischen Vielfältigkeit ein Markenzeichen. Versatzstücke ihrer Tracks kommen genauso selbstverständlich aus dem heimatlichen Bayern wie aus Afrika, der Karibik oder aus Südamerika.

Auf ihrem Debütalbum, das ebenfalls "Schlachthofbronx" heißt, reiht sich der angolanische Kuduro an Balkan-Blechbläser und Funana von den Kapverdischen Inseln und an jamaikanischen Dancehall. Kein Wunder, dass Schlachthofbronx für ihre Musik nicht nur einen, sondern gleich ein halbes Dutzend Namen erfunden haben: Munich Bass, Bavarian Bounce, Afro-Schranz, Ethno-Gabba, Polka Step, Ghetto Rave.

Diese Vielfältigkeit führte auch bei der Verortung der Band zu Verwirrung. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, hinter Schlachthofbronx verberge sich ein Berliner DJ. Dabei ist Berlin noch naheliegend: "Jemand meinte einmal, wir sollten auf seinen Partys auflegen - wir hätten es ja nicht weit. Und der kam aus Brooklyn", erzählt Jakob, die zweite Hälfte der Münchner Elektronikduos.

Schlachthofbronx sind Teil eines größeren Zusammenhangs von Musikern und DJs, die den Minimal-Muff von den Dancefloors verbannt haben. Mastermind dieser Bewegung ist der aus Baltimore stammende HipHop-DJ Diplo. Er begibt sich in Sachen Dancefloor gerne weit über dessen Stilgrenzen hinaus, zuletzt etwa mit seinem Projekt Major Lazer.

Auch der Berliner DJ Daniel Haaksman, der den brasilianischen Baile-Funk über sein Stammland hinaus bekannt gemacht hat, ist dazuzuzählen. Sein Label Man Recordings, auf dem Schlachthofbronx im Januar ein neues Werk veröffentlichen werden, ist eines der bekanntesten dieses Genres. Nicht zu vergessen sind auch die portugiesisch-angolanische Crew Buraka Som Sistema, die den Kuduro überhaupt in die europäischen Clubs brachten.

"Früher galten solche Sounds als esoterisch, niemand hat sich dafür interessiert. Wenn diese Musik vermischt wird, ist das nur gut für sie", sagt Jakob. Dabei gehen die Münchner schmerzbefreit vor. Sie entfremden bei Bedarf auch irische Fiedeln. Jede Weltregion steuert ihre Samples bei und erlangt damit popkulturelle Bedeutung - die Musik muss nur im Club funktionieren.

Das Gespür für den richtigen Rhythmus ziehen Bene und Jakob aus jahrelanger DJ-Erfahrung. Dabei hat jeder für sich die verschiedensten Musikstile von Gabba bis HipHop durchprobiert, um den Sound zu finden, bei dem die Leute einfach nicht mehr stillstehen können. Ungefähr zu 70 Prozent spielen die beiden bei ihren Auftritten jetzt eigene Tracks, der Rest sind Remixe und Edits anderer.

Hypie Hypie

Die Mischung funktioniert: Ihr Clubabend "Hypie Hypie", den sie einmal im Monat im Münchner Club Rote Sonne abhalten, ist ein Ereignis. Die Tracks wechseln schnell, Bene und Jakob feuern ihr Publikum an und verteilen Drucklufthupen und Trillerpfeifen. Dazu werden sie bei ihren Auftritten, häufig von MCs unterstützt. Schlachthofbronx haben mit ihrer Verbindung von regionalen Sounds und stampfenden Rave-Beats Volksmusik endgültig clubfähig gemacht. Ihre Tracks sind maßgeschneiderte - kaum einer dauert länger als fünf Minuten - Partyhymnen mit dem einzigen Ziel, die tanzwütige Menge in den Wahnsinn zu treiben. Details wie die konkreten Kontexte eines Samples interessieren dabei wenig. Die kulturelle Bedeutung des Sounds in der Region, aus der er kommt, ist den meisten Tänzern nicht bewusst. Immer wieder betonen Schlachthofbronx: "Das ist halt Tanzmusik."

Dabei ist "Arschboss", der sich mit seinem deutschen Raptext als letzter Track des Albums von den anderen deutlich abhebt, eine Ironisierung der oft sexistischen Texte, die MCs sonst zu Dancehall oder Baile-Funk beitragen. Eine bayerisch gefärbte Männerstimme fordert "die Ärsche, bitte". Mädchenstimmen antworten: "Langts uns an den Arsch." Natürlich wird auch dieser Text im Club mit Begeisterung mitgesungen.

Es ist eben letztlich egal, aus welcher Region der Welt die Inspiration kommt: Der Bass muss fett sein, der Beat muss kicken - von Schwabing bis nach Afrika.

Schlachthofbronx, live: 31. 12. München, Muffathalle, 2. 1. Berlin, WMF

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de