Kommentar Großbritannien: Schwein mit Lippenstift

Mit Cameron als Premier hält der Thatcherismus in der Downing Street wieder Einzug. Die Liberalen werden deshalb die Koalition mit den Tories noch bereuen. Sie sind die Verlierer.

Das wird Nick Clegg noch bereuen. Durch die Koalition mit den Tories hat der Chef der britischen Liberalen einer Partei an die Macht verholfen, unter der die Schere zwischen Armen und Reichen erheblich größer werden wird. Camerons Politik ist eine Rückkehr zu den fundamentalistischen Wurzeln der Tories. Darüber kann auch Camerons jungenhafte Ausstrahlung nicht hinwegtäuschen. Es ist Thatcherismus mit menschlichem Antlitz – oder, wie der Engländer es ausdrückt: Es ist nichts anderes, als einem Schwein etwas Lippenstift aufzutragen.

Camerons Steuersenkungen werden zu starken Einschnitten bei den öffentlichen Diensten und den Beihilfen führen, seine Sparpolitik wird die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben. Er will die Abtreibungsfristen senken, er blockiert den Sexualkundeunterricht und den Sonderunterricht für Kinder mit Leseschwäche. Seine Partei ist homophob.

Philippa Stroud, die Direktorin des Tory-Thinktanks „Centre for Social Justice“, hat eine evangelische Kirche gegründet, die Homosexualität auf dämonischen Einfluss zurückführt und die Infizierten durch Teufelsaustreibung „heilen“ will.

Und Chris Grayling, der vor der Koalition mit den Liberalen Innenminister werden sollte, hegt Sympathien für Eigentümer von Hotels und Pensionen, die ihrer schwulen Kundschaft die Tür weisen.

Eine grüne Politik ist mit den Tories nicht zu machen. Eine erschreckend hohe Zahl ihrer Abgeordneten hält den Klimawandel für linke Propaganda. Cameron will die Planungsgesetze abschaffen, die eine Verpflichtung für erneuerbare Energien enthalten.

Und die meisten Tory-Abgeordneten sind gegen eine Obergrenze für Bonuszahlungen an Bankmanager, sie sind gegen eine Regulierung der Finanzmärkte – das müssen sie ja auch, denn viele kommen aus diesem Bereich.

Der Deal mit den Tories wird sich als tödliche Umarmung für Clegg erweisen. Er wird seine proportionale Repräsentation nicht bekommen. Die Wähler, die in den Liberalen die beste Chance sahen, eine Tory-Regierung zu verhindern, werden der Partei den Rücken kehren.

43 Prozent ihrer Wähler bezeichnen sich als links. Wenn nur die Hälfte davon abspringt, fallen mindestens 15 der 57 Liberalen-Sitze an Labour.

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Geboren 1954 in Berlin. 1976 bis 1977 Aufenthalt in Belfast als Deutschlehrer. 1984 nach 22 Semestern Studium an der Freien Universität Berlin Diplom als Wirtschaftspädagoge ohne Aussicht auf einen Job. Deshalb 1985 Umzug nach Dublin und erste Versuche als Irland-Korrespondent für die taz, zwei Jahre später auch für Großbritannien zuständig. Und dabei ist es bisher geblieben. Verfasser unzähliger Bücher und Reiseführer über Irland, England und Schottland. U.a.: „Irland. Tückische Insel“, „In Schlucken zwei Spechte“ (mit Harry Rowohlt), „Nichts gegen Iren“, „Der gläserne Trinker“, "Türzwerge schlägt man nicht", "Zocken mit Jesus" (alle Edition Tiamat), „Dublin Blues“ (Rotbuch), "Mein Irland" (Mare) etc. www.sotscheck.net

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