Scorpions machen Schluss: Eine wirklich talentierte Schülerband

Mit den Scorpions nimmt derzeit ein deutsches Urgestein wohl endgültig den Hut - ein Besuch beim Abschlusskonzert in Hannover. Ein Abend voll engagierter Routine statt Emphase und Pathos

Das Ende vom überambitionierten Rockstar-Posing: Scorpions-Leadsänger Klaus Meine Bild: dpa

HANNOVER taz | Jörg Gülden, der im letzten Jahr verstorbene deutsche Musikkritiker, hat mal folgende Geschichte erzählt. Irgendwann in den 60er-Jahren habe auf einer Abi-Feier eine Band namens The Scorpions gespielt, die sehr gut gewesen sei, eine wirklich talentierte Schülerband. Dann habe er Schenker, Meine und Co. etwas aus den Augen verloren. Dekaden später jedoch, auf der Expo 2000 in Hannover, habe er die Chance genutzt und sie sich noch einmal angesehen, vor vielen zehntausend Menschen und in Begleitung der Berliner Philharmoniker. Da habe sich sein positives Urteil von einst noch einmal bestätigt: "Eine wirklich talentierte Schülerband."

Die Scorpions-Sottisen sind Legion. Genügend Angriffsfläche haben sie aber auch stets geboten. Ihr aus dem Langenscheidt kompiliertes Fantasie-Englisch, ihr immer etwas überambitioniertes Rockstar-Posing, ihre Nonsens-Interviews, die sich zu unfreiwilligen Selbstpersiflagen auswuchsen, ihre Wahlkampftour für Schröder etc. Nun muss man einräumen, dass es oftmals nur der großsprecherische, die Welt vergröbernde und vergrößernde Heavy Metal selbst war, der da relativ wohlfeil verlacht wurde. Legt man mal die immanenten Genre-Parameter an, sind die Scorpions nicht alberner als alternative Bands. Sie waren eben nur einfach um vieles erfolgreicher als die meisten, zumal die aus Deutschland.

Ein nicht geringer Teil des Spotts speist sich aber wohl noch aus einer anderen Quelle: der klammheimlichen, mit Gelächter unzureichend camouflierten Furcht, den Verlachten am Ende doch ähnlicher zu sein, als man sich eingestehen mag. Ein besseres Englisch als Rudolf Schenker und Klaus Meine sprechen viele, die sich da gern die Schenkel klopfen, eben auch nicht. Und intellektuelle Provinz gibt es in Berlin so gut wie in Hannover.

Aber noch etwas Drittes wird man in Anschlag bringen dürfen, um den Spaß an der Häme ("Maus Kleine", "Kappen-Klaus" usw.) zu erklären. Und das betrifft eine wesentliche Funktion von Witzen selbst: Ein außerordentlicher, herausragender Stellvertreter des Kollektivs wird hier wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt - oder wie es der Philosoph Henri Bergson in seinem "Essay über die Bedeutung des Komischen" formuliert hat: "Durch ihr Gelächter rächt sich die Gesellschaft für die Freiheiten, die man sich ihr gegenüber herausgenommen hat." Und die Scorpions haben sich eine Menge herausgenommen.

Auf die gleiche soziale Dynamik lassen sich übrigens die notorischen Zyklen der öffentlichen Wertschätzung im Unterhaltungsgeschäft zurückführen, die Politik eingeschlossen. Auf exorbitanten Beifall folgen unwiderruflich Anfeindungen, die sich erst wieder in Sympathie ummünzen lassen, wenn der Delinquent für eine ganze Weile von der Bildfläche verschwunden oder öffentlichkeitswirksam zu Kreuze gekrochen ist.

Die Scorpions erfahren das jetzt mal wieder am eigenen Leib. Nachdem durch Mainstream-Alben im Gefolge des "Wind Of Change"-Gassenhauers, durch die Elektro-Adaptionen von "Eye II Eye" und schließlich durch die schon vor zehn Jahren reichlich obsoleten Großorchester- und Unplugged-Experimente ("Moment of Glory" und "Acoustica") ihre Reputation nicht nur in der einschlägigen Szene ziemlich heruntergewirtschaftet war, konnte man in den letzten Jahren beobachten, wie sich die allgemeine Stimmung langsam wieder besserte. Einer der Auslöser war der öffentlich inszenierte Kotau vor dem Erscheinen von "Unbreakable" (2004). Man versprach allen Interessierten, zu den Wurzeln zurückzukehren, zum Old-School-Hardrock der Spätsiebziger- und Achtzigerjahre. Das ließ sich umso leichter versprechen, als diese Musik seit einigen Jahren wieder Konjunktur hat, weil die loyalen und konservativen Metalheads für die Künstler ihres Vertrauens eben tatsächlich noch Geld ausgeben.

Und gerade bei ihnen kommen dann auch Formeln wie "back to the roots", "Kerngeschäft" und "auf alte Stärken besinnen" besonders gut an. Das neue Album, "Sting In The Tail", ihr 22., die vielen Best-of-Kompilationen nicht mitgezählt, legt noch einmal einen Zahn zu beim Authentizitätsgalopp. Man habe nach dem letzten, doch sehr stark vom Songschreiber-Goldfinger Desmond Child geprägten Konzeptalbum "Humanity - Hour I" (2007) den Produktionsaufwand wieder etwas heruntergefahren. Die Gitarren seien sogar ganz in Rudolf Schenkers Hannoveraner Studio aufgenommen worden. Hören kann man das nicht unbedingt. Immer noch lebt das Scorpions-Soundbild vom feisten, aber nie wirklich dreckigen Power-Riffing Schenkers, das Jabs mit wenigen akkuraten Melodie-Soli kolorieren darf. Handwerklich konnte man ihnen ohnehin nie an den Karren fahren.

Das zeigt sich auch einmal mehr beim Konzert in ihrer Heimatstadt, in der beinahe, aber eben doch nicht ganz ausverkauften TUI Arena. Die Band agiert aufgeräumt, gibt sich agil, hat auch die Dramaturgie gut im Griff, kontrastiert ihr erfolgreichstes Verkaufsformat, die angeblich von ihr (mit)erfundene "Power-Ballade" ("Send Me An Angel" oder, tja, "Wind Of Change") mit genügend dickeren Brettern (wie "The Zoo" und "Blackout") und beschert einem im immer noch schönen Instrumental "Coast To Coast" sogar Momente, in dem der Schalldruck die Körperchemie spürbar werden lässt.

Das Vertrauen der Band auf die Qualität von "Sting In The Tail" war dann schließlich auch der Anlass dafür, das Album mit einigem medialen Aufwand zum Schwanengesang und die laufende Konzertreihe zur Abschiedstour zu deklarieren. Man wolle, "wenn der Rock-n-Roll-Train in die Zielgerade einbiegt", so hat es Meine auf seine unnachahmliche Weise formuliert, "dieses Ding mit Klasse und Stil beenden". Wer weiß, ob man es noch mal so gut hinbekommt. Kein schlechter Schachzug überdies, denn jetzt waren plötzlich alle großen Feuilletons mal wieder geneigt, aufzumerken und der Band, wenn schon keine liebevollen, so doch immerhin versöhnliche Nachrufe zu Lebzeiten hinterherzuschicken.

Meine beschwört mehrfach den Heimspielaspekt an diesem Abend, und Hannover feiert seine Wahrzeichen - aber Raserei sieht anders aus. Möglicherweise liegt es an der laut Stereotyp etwas emotionsarmen Mentalität der Hiesigen, die ihnen unter Schaustellern längst das warnende Diktum eingetragen hat: "If you can make it in Hannover, you can make it everywhere." Auch mag das merkliche Silberzwiebel-Aufkommen moderierend gewirkt haben. Ein paar der Honoratioren in schwarzem Anzug und Kostümchen gingen auch bald wieder. Einfach zu laut!

Vielleicht haben die Hannoveraner das Rücktrittsversprechen aber auch längst als großen Fake entlarvt. Denn für ein allerletztes Konzert auf der heimischen Scholle hätte man entschieden mehr Emphase und Pathos erwartet. Engagierte Routine, mehr gibt es nicht. Nicht mal die Feuerwerkeleien und Multimedia-Gimmicks sind besonders spektakulär.

Vielleicht haben sich die vielen Nachrufer einfach zu früh gefreut, zumal es die Scorpions mit "Klasse und Stil" nie richtig ernst genommen und sie auch schon für 2012 weitere Termine bestätigt haben. Und so gab es mit "Neverending Abschiedstour" an diesem Abend auch schon wieder einen neuen Scorpions-Witz.

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