Schulkampf in Niedersachsen: Das Aufbegehren der Eltern

Das niedersächsische Schulgesetz verhindert Gesamtschulen und kappt die Lernzeit um ein Jahr. Nun wollen Eltern das Gesetz per Volksentscheid kippen.

Schülerprotest vor dem niedersächsischen Landtag während der Verabschiedung der Schulgesetz-Novelle im Juni 2009. Bild: dpa

GÖTTINGEN/HANNOVER taz | Vier Mädchen und ein Junge, Zehntklässler, sitzen etwas ratlos im Englischunterricht um ein Tischgeviert. Janek fehlt. Das ist nicht gut für die Gruppe. "Eine Tischgruppe muss immer ausgeglichen sein", erklärt Felicia. "Janek kann sonst immer alles erklären, aber weil er heute fehlt, sind wir ein bisschen allein." Seit der fünften Klasse sitzen sie auf "ihrem" Stuhl, in ihrer Gruppe, in diesem Raum. Janek kam später hinzu. Er wechselte vom Gymnasium an die Integrierte Gesamtschule Georg-Christoph-Lichtenberg.

Auf einem Hügel im Stadtteil Geismar steht Göttingens einzige Integrierte Gesamtschule. Man überblickt die Universitätsstadt im Tal von dort oben. Bei den Eltern gilt die Schule als Vorzeigeschule. 1.500 Schüler lernen hier, 170 werden jedes Jahr neu in die fünften Klassen aufgenommen. Es gibt doppelt so viele Bewerber. Das Los entscheidet.

Mindestens sechs Jahre lang, von der fünften bis zur zehnten Klasse, lernen die Schüler hier zusammen in Lernteams - den Tischgruppen. In allen Fächern von Deutsch bis Technik. Erst wenn die Abiturienten in der 11. Klasse in die gymnasiale Oberstufe wechseln, trennen sich die Wege. Eine seltene Ausnahme in Deutschland, denn gewöhnlich müssen Schüler auch an Integrierten Gesamtschulen ab Klasse 7 nach Leistung getrennt werden. Hier aber sind die Lernteams gemischt, und zwar so, dass alle Begabungen dabei sind, damit die Schüler sich gegenseitig helfen können: Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten lernen zusammen.

Das Ziel: Gesamtschulen und Gymnasien sollen zum neunjährigen Abitur zurückkehren. Vorgeschrieben sind acht Jahre (G 8). Gesamtschulen dürfen auch mit 3 oder 4 Parallelklassen und nicht wie per Gesetz bestimmt mit 5 Parallelklassen gegründet werden. Für Grundschulen sollen mehr Lehrer eingestellt werden, um feste Schulzeiten sicherzustellen (volle Halbtagsschule). Für ein erfolgreiches Volksbegehren brauchen die Initiatoren innerhalb von 6 Monaten 608.731 Unterschriften. 143.524 Unterschriften sind bisher als gültig anerkannt worden.

Die Gesamtschulen: Von den rund 3.100 niedersächsischen Schulen sind knapp 100 Gesamtschulen. Ein Drittel davon wurde in den vergangenen zwei Jahren gegründet. In den 60 Integrierten Gesamtschulen werden Schüler in Klasse fünf und sechs unabhängig von ihrer Schulformempfehlung gemeinsam unterrichtet. Erst ab Klasse 7 werden sie zunächst in Englisch und Mathe nach Leistung getrennt, später in Deutsch und Naturwissenschaften. ALE

Geht es nach der schwarz-gelben Regierung in Hannover dann sollen Janek und alle abiturtauglichen Zehntklässler künftig woanders lernen. Denn im vergangenen Jahr beschloss der Landtag mit der Mehrheit von CDU und FDP, dass Gesamtschüler das Abitur ein Jahr früher ablegen sollen. Nach Klasse 12 nämlich, wie die Schüler an Gymnasien, und nicht wie bisher nach Klasse 13. Damit geht Niedersachsen einen Sonderweg, die meisten Bundesländer gestehen den Gesamtschulen wegen ihrer gemischten Schülerschaft das Extrajahr für die Abiturvorbereitung zu.

Die Fünftklässler, die im August an niedersächsischen Gesamtschulen eingeschult wurden, sind die Ersten, die vom verkürzten Abitur betroffen sein werden. Wenn sie ein Schuljahr weniger Zeit haben, bedeutet das auch, sie ein Jahr früher zu trennen und den Leistungsdruck zu erhöhen.

Flinke Schüler wie Janek sollen Zusatzkurse belegen, um sich aufs Abi vorzubereiten. Zurück bleiben die, die Englisch oder Mathe nicht so schnell kapieren. Eine reine Haupt- oder Realschulklasse eben. Lehrer und Eltern befürchten, dass das Konzept der Integrierten Gesamtschulen, lange und entspannt gemeinsam zu lernen, kaputt geht.

Deshalb warten drei Elternvertreter der Schule heute im Büro des Schulleiters auf Stefan Porwol. Der ist Staatssekretär im Niedersächsischen Kultusministerium und hat seinen Besuch angekündigt. Die Eltern hatten ursprünglich Ministerpräsident David McAllister (CDU) eingeladen. Doch McAllister sagte kurzfristig ab und schickte einen Ersatzmann aus der zweiten Reihe. "Riechen, fühlen und schmecken soll er, worum es uns hier geht", sagt Annette Groeneveld, die auch ihr jüngstes und sechstes Kind an diese Schule schicken will. Seit einem Jahr kämpft sie dafür, dass es neun Jahre Zeit hat bis zum Abitur.

Als das Abitur an Gymnasien um ein Jahr verkürzt wurde, hatten Eltern und Schüler geschimpft und sich gefügt. Dass nun auch die Gesamtschulen die Abiturrallye um Wissen und Punkte mitmachen müssen, brachte die Unzufriedenen zusammen. Eltern und Pädagogen gründeten im vergangenen Jahr ein Netzwerk für "Gute Schulen". Als das nichts bewirkte, starteten sie im November ein Volksbegehren. Sie fordern darin, das Abitur an allen Schularten wieder nach Klasse 13 zu vergeben und mehr Gesamtschulen zuzulassen. Die Göttinger Gruppe besteht im Wesentlichen aus den Eltern der Lichtenbergschule.

Die "Gotteskrieger der Einheitsschule" hat der Philologenverband die Initiatoren des Volksbegehrens getauft. Ute Janus gehört dazu. Die große Frau mit den graubraunen Haaren ist studierte Förderschullehrerin und seit zwei Jahren im Stadtelternrat von Hannover aktiv. Im Februar bewarb sich Janus für den Vorsitz und zwar als Vertreterin des Volksbegehrens für "Gute Schulen". Sie wurde gewählt.

Ihr jüngster Sohn ist gerade in die gymnasiale Oberstufe einer Gesamtschule gewechselt. Er wird drei Jahre Zeit haben für sein Abitur. Persönlich ist sie also gar nicht betroffen. Warum dann der Stress? Da sei zum einen die Borniertheit der Politiker. Und da sei auch das Bedürfnis, die eigenen guten Erfahrungen für alle zugänglich zu machen. "Dass es so wenig Gesamtschulen gibt, liegt ja nicht daran, dass die Eltern die nicht haben wollen."

Fast 150.000 Unterschriften für das Volksbegehren sind vom Landeswahlleiter bisher als gültig anerkannt worden. "Die Leute unterschreiben aus Wut", sagt Janus. Sie war in diesem Sommer in den Fußgängerzonen zahlreicher niedersächsischer Kleinstädte und hat Unterschriften gesammelt.

Es ist unter den bildungsbewussten Bürgern Niedersachsens längst nicht mehr verpönt, die Kinder an einer Gesamtschule anzumelden. "Das Tabu ist gebrochen", sagt Hermann Veith vom Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen. "Viele Integrierte Gesamtschulen sind Leuchtturmschulen."

Das heißt, sie fördern Schüler individuell und haben damit Erfolg. Niedersachsens "beste" Abiturientin kam in diesem Jahr von der Lichtenbergschule. Insgesamt beenden drei Viertel der Schüler eines Jahrgangs die Schulzeit hier mit dem Abitur. Auch Schüler, die ursprünglich mit Haupt- und Realschulempfehlung ankamen, profitieren vom Lernen in der Gemeinschaft. Mehr als die Hälfte bekommt nach neun Jahren an der Lichtenbergschule die Hochschulreife.

Der Siegeszug der Gesamtschulen werde sich nicht aufhalten lassen, prophezeit Professor Veith: "Die Gesamtschule wird sich als Alternative zum Gymnasium entwickeln." Als eine von zwei Schulformen.

Das ahnt wohl auch die CDU, die das dreigliedrige Schulsystem wie einen Schild hochhält. Bei Machtantritt 2003 hat sie die Gründung von Gesamtschulen erst einmal verboten. Im Jahr 2008 hob sie das Verbot auf; seit 2009 dürfen neue Gesamtschulen nur noch dort gegründet werden, wo die Kommunen nachweisen können, dass sie pro Jahrgang mindestens fünf Klassen voll bekommen. Und zwar in den nächsten 14 Jahren.

Dennoch: 32 Gesamtschulen sind in den letzten zwei Jahren neu gegründet worden. Und es könnten noch viel mehr sein, wenn die Auflagen milder wären. In vielen Landkreisen droht den Haupt- und Realschulen das Aus, doch für eine Gesamtschule mit fünf Parallelklassen gibt es zu wenig Schüler. Es mehren sich daher die Stimmen in der Partei, die fordern die Neugründung von Gesamtschulen zu erleichtern.

Mit dem seit April amtierenden Kultusminister Bernd Althusmann, sitzt ein CDUler am Steuer, der sich zumindest vorstellen kann, die strikt dreispurige Schulformbahn zu verlassen. "Neben Gymnasien werden auch Gesamtschulen derzeit sehr gut angenommen", räumt der Bildungsminister auf Anfrage ein. Anfang September hat sich Althusmann wieder mit den Vertretern der Städte und Gemeinden getroffen, die seit Langem fordern, die Auflagen für Gesamtschulen zu mildern. "Die Entwicklung an den Hauptschulen kann einem schon Sorgenfalten auf die Stirn treiben", sagte er der taz. "Wir haben sie in den vergangenen Jahren zwar erheblich gestärkt, doch wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Eltern dieses Angebot in einigen Regionen kaum noch annehmen." Man prüfe daher sämtliche flexiblen Lösungen. Althusmann überlegt also, wie er den Wünschen der Gemeinden nach mehr Gesamtschulen entgegenkommen kann, ohne die "Einheitschulhasser" in seiner Partei zu verschrecken. Im Spätherbst will die Arbeitsgruppe dem Landtag einen Vorschlag vorlegen. Das verkürzte Abitur steht für Althusmann allerdings nicht mehr zur Diskussion: "Ich halte die Forderung nach Wiedereinführung des Abiturs nach Klasse 13 für falsch."

In Göttingen versuchen Lehrer und Eltern die hannoverschen Politiker vom Gegenteil zu überzeugen. Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger hat einen Rundgang anlässlich des Besuchs des Staatssekretärs vorbereitet. Doch der kommt nicht. Er ruft zwei Stunden zuvor an und sagt, er stecke im Stau. Vielleicht ein andermal. Im Büro von Vogelsaenger warten die drei Elternvertreter vergeblich und gucken finster: "Die haben Angst vor uns."

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