Interview mit syrischem Regisseur: "Viele sind dem Präsidenten dankbar"

Baschar al-Assads Rede hat die Syrer enttäuscht, der Regierungs-rücktritt ist nur Show. Doch viele Studenten halten sich von den Protesten noch fern.

"Ausländische Verschwörer" seien schuld an den Protesten in Syrien, sagte Präsident Assad in seiner Rede. Bild: dapd

taz: Herr Dsharah*, am Mittwoch hat sich Syriens Präsident al-Assad zum ersten Mal seit Ausbruch der Revolte im Parlament an sein Volk gewandt und ausländische Mächte für die Unruhe in seinem Land verantwortlich gemacht. Wie fanden Sie das?

Joseph Dsharah*: Das war ein Affront gegen alle Syrer, die schon seit 2005 auf die dringend erforderlichen Reformen warten. Ich denke, er hat sich erst so spät geäußert, weil er die Situation vor allem in Latakia zunächst stabil wissen wollte - was durch die massive militärische Präsenz ja auch erreicht wurde. Er hat wiederholt, dass er nicht zum Gebrauch von Schusswaffen durch die Sicherheitskräfte aufgerufen hat, die Toten bedauert und Untersuchungen einleiten wird.

Halten Sie das für glaubhaft?

Es ist lächerlich - wenn ihm wirklich an einer transparenten Staatsführung gelegen wäre, hätte er einen großen Schritt auf das Volk zugehen können, indem er das Notstandsgesetz außer Kraft gesetzt hätte. So aber kann weiter verhaftet und gefoltert und die freie Meinungsäußerung sowie die Bildung von Parteien verhindert werden.

Welche Auswirkungen hat der Rücktritt seiner Regierung?

Dass er das Kabinett ausgewechselt hat, ist nur eine oberflächliche Show, um die Bürger zu besänftigen. Die haben am Beispiel der anderen arabischen Länder gesehen, dass es einen Ausweg aus der Diktatur geben kann. Die Minister sind ohnehin nur Dekor, Assad selbst hält die ganze Macht.

Joseph Dsharah (Pseudonym), 36, ist Regisseur in Damaskus. Insgesamt wurde er fünfmal inhaftiert, zweimal jeweils am Premierentag seiner Theaterstücke. Mittlerweile arbeitet er, wie viele kritische Syrer, nur noch im Untergrund. Zusammen mit ausländischen Filmcrews produziert er Dokumentarfilme über soziale Missstände in Syrien, vor allem zur Lage der irakischen Flüchtlinge.

Wie viel Rückhalt besitzt er?

Vielleicht hat er intern mit einigen alten Seilschaften aus der Zeit seines Vaters zu kämpfen. Doch diese Garde ist längst nicht mehr aktiv. Dass unser ganzes System eine Farce ist, konnte man aber auch bei seiner Rede im Parlament sehen. Wie aufgezogene Puppen klatschten die Parlamentarier zu jedem seiner nichtssagenden Sätze. Sie können ja auch nicht gegen ihn sein, denn wer gegen ihn ist, wird ausgewechselt oder landet im Gefängnis.

Wie steht die Mehrheit der Bevölkerung zu ihm? Am Dienstag gingen im ganzen Land Millionen für ihn auf die Straße, um ihn zu feiern - nur weil sie keine andere Wahl hatten?

Ganze Stadtverwaltungen und Universitäten haben freibekommen, um ihre Sympathie zu bekunden. Viele sind auch nicht prinzipiell gegen den Präsidenten an sich eingestellt. Man kennt hier seit Generationen nur die sehr harte Politik seines Vaters, Hafis al-Assad, dessen Machtmissbrauch 1982 im Massaker von Hama gipfelte. Unter seinem Sohn sind einige Reformen erfolgt, die so etwas wie einen Mittelstand überhaupt erst entstehen ließen. Privatwirtschaft, nichtstaatliche Banken und die Möglichkeit, Kredite aufzunehmen, haben das Leben vieler Syrer erleichtert. Viele junge Menschen sind ihm für das Internet, für Mobilfunk und private, wenn auch teure Universitäten dankbar.

Zu recht?

Es ist absurd: Die Leute denken tatsächlich, dass sie das Internet dem Präsidenten verdanken - schließlich hätte er es auch einfach verbieten können! Die vermeintliche Freiheit, sich im Web bewegen zu können, nehmen viele junge Leute als echte Freiheit wahr. Der klassische Fall von Zuckerbrot zur Besänftigung der Massen von unterbeschäftigten Jugendlichen. Dabei kann man von Syrien aus nicht einmal sehen, welches Kulturangebot es im nur 80 Kilometer entfernten Beirut gibt - geschweige denn Webseiten von Menschenrechtsorganisationen aufrufen, die über verschwundene Kritiker Buch führen.

Wie frei ist das Internet jetzt?

Dass Facebook und Youtube nach den ersten Protesten freigegeben wurden, ist, denke ich, nur ein Trick, um Kritiker schneller fassen und Aufrufe zu Protesten besser überwachen und bekämpfen zu können.

Welche Reformwünsche treiben die Menschen jetzt auf die Straße?

Das Leben ist teurer geworden. Aufgrund der letzten trockenen Winter sind die Grundnahrungsmittel zwar nicht wirklich knapp, aber für rund eine halbe Million Menschen unbezahlbar geworden. Die rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus dem Irak belasten die ohnehin schlechte Infrastruktur noch zusätzlich. Die meisten Menschen wollen nur ein besseres Leben - ohne Angst.

Warum sieht man so wenige Studenten bei dem Protest?

Sie sind mit dem System aufgewachsen - mit dem System der Angst und damit, dass man niemandem vertrauen kann, wenn es um politische Meinungsäußerung geht. Viele Studenten sagen einem, dass es ihnen doch bessergeht als den meisten Ägyptern und Libyern. Erst wenn man sie vorsichtig nach ihren Wünschen und Träumen fragt, geben sie zu, dass sie im Ausland studieren und leben wollen, dass sie in ständiger Sorge wegen der Zukunft leben und mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Die Lage der jungen Männer, die heiraten wollen, ist besonders hart. Sie müssen erst einmal Geld für die Wohnung und die Hochzeit verdienen. Und sie wissen, dass es noch schwerer wird, eine Braut zu finden, wenn sie erst einmal aktenkundig und inhaftiert worden sind.

Sind Proteste wie in Deraa und Latakia auch in Damaskus denkbar?

In der Hauptstadt gibt es mehr Mitarbeiter der Geheimdienste und mehr Polizisten als im Rest des Landes. Aber ich denke, die Regierung war schon geschockt, dass solche Aufstände tatsächlich auch in Syrien ausbrechen konnten. Und nach Assads Rede flammten sie in Latakia sofort wieder auf. Dort leben hauptsächlich Sunniten, die keine Lust mehr haben, sich von der alawitischen Minderheit dominieren zu lassen!

Welche Zukunft wünschen Sie sich für Syrien?

Unser Staat sollte die Menschenrechte achten. Bei uns sitzt eine 19-jährige Bloggerin für fünf Jahre im Gefängnis, nur weil sie Gedichte mit ihren Hoffnungen für Syrien und die Palästinenser geschrieben hat. Ein Staat sollte seine Bürger ermutigen, aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft und der Kunst teilzunehmen, statt sie dafür einsperren.

*Name von der Redaktion geändert

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