die wahrheit: Komm auf die dunkle Seite des Ostereis!

Archäologen lüften das letzte Geheimnis des Osterhasen. Die Geschichte des Eierversteckens muss umgeschrieben werden.

Zu den ehernen Gesetzen von Brauchtum und Religion gehört es, dass jedes Fabelwesen, jede Gottheit, jeder Götze, ja sogar jeder Superheld einen Gegenspieler braucht - einen düsteren Antagonisten, der das Gleichgewicht der Kräfte herstellt. Überall stehen sich Gut und Böse gegenüber, in allem und jedem toben Ying und Yang. Selbst der Weihnachtsmann hat in der Manifestation des Knecht Rupprecht eine dunkle Seite, die den ungezogenen Kindern keine Geschenke bringt, sondern sie viel lieber zur Strafe in einen müffelnden Sack steckt und mit der Rute draufdrischt.

Nur einer fällt in diesem ewigen Kampf von Gut und Böse eklatant aus dem Rahmen: der Osterhase. Er ist einfach nur nett und flauschig, er hoppelt vergnügt über grüne Wiesen und versteckt für alle, die sich dafür interessieren, bunte Eier und Süßkram. So stellt man sich das ultimativ Gute vor. Es ist geradezu widernatürlich gut, denn ein Gegenspieler, der das ekelhaft-fröhliche Treiben dieses Langohrs im Zaum halten könnte, fehlt. Aber wie konnte es nur geschehen, dass abseits dieser Osterfreude ein solch bedrohliches Machtvakuum entstanden ist, das irgendwann womöglich noch die ganze Welt ins Verderben stürzt?

Dieses fatale Ungleichgewicht herrschte nicht immer. Schon seit einiger Zeit machen in Forscherkreisen Gerüchte die Runde, dass einst ein mächtiger Gegenspieler des Osterhasen existiert haben soll. Doch erst kürzlich ist es Archäologen bei Grabungen in der Nähe des bayerischen Klosters Andechs gelungen, diese Gestalt einwandfrei zu belegen. Aus den Katakomben holte man prächtige Artefakte und Schriftstücke hervor, die nicht nur den Labsal bringenden Osterhasen preisen, sondern auch unmissverständlich von den Missetaten seines Erzfeindes zeugen. Genannt wurde dieses Wesen in den Schriften einst Klabauterkuckuck. Jeder fürchtete ihn und flehte um himmlischen Beistand, dass einen der finstere Klabauterkuckuck an Ostern doch bitte verschonen möge.

Erstmals wird der Klabauterkuckuck 1523 urkundlich erwähnt. Und noch vor 150 Jahren verbreitete die Eiersuche keineswegs nur ungetrübte Freude, sondern oftmals auch Angst, Schrecken und große Gefahr. Denn der Klabauterkuckuck schickte sich an, die vom Hasen versteckten bunten Leckereien unter Rufen seines teuflischen "Ahoi, tschiep, tschiep" gemeinerweise gegen Schlangeneier, Madenkolonien und Wespennester auszutauschen. Es war ein grausames, aber zumindest nicht langweiliges Tun. Viele Jahrhunderte dauerte dieser erbitterte Kampf der beiden Oster-Titanen und forderte unzählige Opfer auf allen Seiten.

Doch im Jahr 1886 war damit endgültig Schluss. Es erging ein Erlass des benediktinischen Osterkonvents, der den Klabauterkuckuck aus den Geschichtsbüchern und der jahrhundertealten Tradition tilgen sollte. Gleichzeitig wurde ein heimtückisches Attentat auf ihn verübt. Mit etwas Schmiergeld und dem Versprechen auf Absolution brachte man einen Mechaniker in der Vertragswerkstatt des Kalbauterkuckucks dazu, ihm klammheimlich die Bremsleitungen durchzuschneiden. Den fatalen Ausgang seines ersten Frühlingsausflugs im Jahr kann man sich vorstellen. Und die Bürger spielten mit bei dieser gigantischen Vertuschungsaktion, denn sie waren froh, künftig nie mehr beim Eiersuchen Angst haben zu müssen vor dem Grauen erregenden und Furcht einflößenden Klabauterkuckuck.

Seit dieser Zeit herrscht der Osterhase als unangefochtener Diktator über das Osterfest und macht überhaupt keine Anstalten, seinen Thron zu räumen. Aber ob dies gut sein kann? Ungezügelte Macht korrumpiert, das zeigt die Geschichte nur zu deutlich. Es ist deshalb höchste Zeit, ihm Einhalt zu gebieten. Doch auch heute noch scheint der Osterhase die Reichen und Mächtigen dieser Welt auf seiner Seite zu haben. Regierungen und Religionen decken ihn, sie schützen ihn - einen solchen sympathischen Despoten der guten Laune verlieren sie nicht gern.

Niemals hätten wir einen wie den Klabauterkuckuck nötiger gehabt als heute. Die langohrige Schreckensherrschaft muss ein Ende finden. Denkt an diese mahnenden Worte, wenn die Welt dereinst in Schokoschutt und Eierschalen liegen wird.

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