Neues Album von TV on the Radio: Gebrochenes Licht

Das neue Album der New Yorker Art-Rocker TV on the Radio ist eine Verbeugung vor dem an Lungenkrebs gestorbenen Bassisten Gerard Smith.

Starb vor wenigen Wochen: Bassist Gerard Smith. Bild: dapd

In den Scherben bricht sich das Licht. Als die Brooklyner Band TV on the Radio vor wenigen Wochen auf ihrer Homepage die Krebserkrankung ihres Bassisten Gerard Smith bekannt gab, klang noch Auflehnung aus ihren Worten: "It might just be cancer that has the problem". Doch die Krankheit scherte sich einen Dreck um Hoffnung, Zweckoptimismus und Galgenhumor: Am 20. April starb Smith im Alter von lediglich 34 Jahren in New York an Lungenkrebs.

Im Booklet des neuen TV-on-the-Radio-Albums "Nine Types of Light", das vor Smiths Tod aufgenommen wurde, finden sich keine Bilder der Band, keine Lyrics, sondern Lichtspiegelungen in zerbrochenem Glas. Fast wirkt die Aufmachung des Albums wie eine Vorabbebilderung der Tragödie.

Und es bleibt nicht beim optischen Eindruck. TV on the Radio haben sich auf "Nine Types of Light" merklich nach innen gekehrt, sind deutlich näher bei sich als dem großen, unbezwingbaren Ganzen und überführen diese lyrische Tendenz auch in eine deutlich sanftere und harmonischere Klangumgebung.

Diese tritt an Stelle der ungreifbaren, rohen Verspieltheiten und politischen Statements, mit denen auf dem 2004 erschienen Debütalbum "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes" alles seinen Anfang nahm. Der Durchbruch zu einer größeren Anhängerschar gelang dann 2006 mit dem großartigen "Return to Cookie Mountain". Und spätestens mit "Dear Science" wurden TV on the Radio 2008 zum uneingeschränkten Liebling der Kritiker und größten Brückenbauer der Independent-Szene. Verbindungslinien schlugen sie permanent und kreuz und quer: von Funk zum Rock zum HipHop, kurz mal rüber zum Postpunk und dann aber auch immer mal wieder bei der alten Tante Soul und dem jungen Neffen Elektro vorbeischauen. Heraus kam dabei ein stets neuartiger und doch alle Alben verknüpfender Art-Rock.

Mehr Soul

Auf "Nine Types of Lights" muss dieses Mal, so viel wird schnell klar, der Rock dem Soul ziemlich viel Platz einräumen, wodurch sich die neuen Stücke viel schneller als ihre Vorgänger an die Hörer anschmiegen. Die neuen Songs bestehen zu großen Teilen aus sanften, einnehmenden Lockungen, gespickt mit Sehnsüchten und Emotionen.

Als prototypisch hierfür erwies sich schon die erste Single-Auskopplung "Will Do", ein von hellen Xylofonanschlägen eingeleitetes Glaubensbekenntnis an die verloren gegangene Liebe. Über das sanfte Klopfen legen sich Schlagzeug, Bass und ein zurückhaltend funkiger Gitarrengroove, auf welchem Sänger Tunde Adebimpe beteuert: "Ill be there to take care of you / if ever you should decide / that you dont want to waste your life / in the middle of a lovesick lullaby."

Ähnlich gefühlig gehen auch der Auftaktsong "Second Song", das elegische "Killer Crane" oder "Keep your heart" vor. Zumeist legt Adebimpe in den Strophen mit souligem Bariton die Wanderschaft zwischen Liebe und Leid dar, um in den Refrains die Oktavenleiter nach oben zu klettern und mit Falsettstimme von der völligen Hingabe zu künden. "Im gonna keep your heart / If the world falls apart / Still Im gonna keep your heart." Exemplarisch zeigt sich hier, wie sich die Zeiten im Hause TV on the Radio geändert haben: Möge die Welt auch zu Grunde gehen, unsere Liebe wird überdauern. Deutlicher kann man den Fokus kaum von Außen- auf Innenansicht verlegen.

Ungezügelte Leidenschaft

Die wilden Zeiten ganz verabschieden wollen TV on the Radio dann allerdings doch nicht, durchbrechen sie doch gerade in der zweiten Hälfte des Albums immer wieder die Harmonie zugunsten ungezügelter Leidenschaft. Vorbote dieser lauernden Dynamik ist der alle erwartbaren Songstrukturen torpedierende "No Future Shock". Bewaffnet mit Blechbläsern, Gitarrengeschrammel und einem rücksichtslosen Schlagwerk wird dieses widerspenstige Funkmonster bis zum Ende nicht gezähmt.

"Repetition" schließlich stellt die größte Reminiszenz an die schweißtreibenden alten Tage und die Hitnummern wie "Wolf like me", "Staring at the Sun" oder "DLZ" dar. Ganz allmählich entzündet sich dieser Song über vier Ebenen, bis er sich schließlich in einer alles plättenden Explosion ergeht: "My repetition / my repetition is this" wiederholt Adebimpe unermüdlich - und dabei ist nichts Wiederholung, sondern alles Entwicklung.

Vielleicht merkt man "Nine Types of Light" tatsächlich an, dass es in Los Angeles, der neuen Heimat von Gitarrist und Produzent David Andrew Sitek, aufgenommen wurde. Durch die Wärme und den grundsätzlichen Optimismus vieler Songs scheinen immer wieder die gleißenden Sonnenstrahlen Kaliforniens hindurch. Trotz alledem ist bei TV on the Radio aber kein Eskapismus, keine endgültige Flucht ins Innere zu befürchten, wie der Schlussakkord des Albums unterstreicht.

Mit "Caffeinated Consciousness" schafft die Band einen Hybriden aus tosender Brachialität und urplötzlichem Innehalten. Dieses Lied zieht seinen Hörer ins Auge des Orkans und beruhigt ihn mit den Worten: "In severed light / Our souls are damaged / And with that caged / To the cause of light / Now I can see / Another language / Gone optimistic / Were gonna survive." Vielleicht, so bleibt zu hoffen, verbinden sich nach dem Sturm die Scherben zu einem Mosaik der Erinnerung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de