Beratungsstelle Aizan vor dem Aus

Tariftreue als Handicap

20 Jahre lang hat die Beratungsstelle Aizan Jugendlichen geholfen, beruflich Fuß zu fassen. Nun will sich die Stadt die erfolgreiche Arbeit nicht mehr leisten.

Die Kisten sind gepackt: Hatice Akkerman (l.) und Freyja Jürgens lösen das Aizan auf. Bild: Ulrike Schmidt

Die Koffer sind gepackt, überall in dem 72 Quadratmeter großen Büro an der Juliusstraße in Rufweite zur Roten Flora türmen sich Kartons und Kisten. Auf dem Fenster, hinter dem eine Gruppe von Mädchen gerade unter Anleitung ihre Hausarbeiten erledigt, prangt das Schild "Nachmieter gesucht". Das nahe Ende wird so sichtbar, denn am heutigen Freitag feiert das Aizan seinen Abschied.

Ein Träger, der sich erfolgreich um die berufliche Integration vor allem von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gekümmert hat, als dieses Wort noch gar nicht erfunden war, wird weggespart - trotz wachsender Probleme und steigender Steuereinnahmen.

Im Sommer 1991 öffnete das Aizan in der Wohlwillstraße im benachbarten St. Pauli ein kleines Lädchen, um "die Chancen von Mädchen ausländischer Herkunft auf dem Ausbildungsmarkt zu verbessern". Hausaufgabenhilfe, Bewerbungstraining, Ausbildungsvorbereitung und Praktikumsvermittlung für diese im Kampf um Lehrstellen doppelt benachteiligte Gruppe standen auf dem Programm.

Doch obwohl die Arbeit des Aizan von Schulen, Behörden und den Mädchen selbst stets gelobt wurde, geriet das Projekt bald nach dem 1996 erfolgten Umzug in die Juliusstraße in unruhigeres Fahrwasser. Neue Regierungen, neue politische Schwerpunkte, neue Leitlinien forderten von Regine Heiser, Freyja Jürgens und Hatice Akkerman, den Mitarbeiterinnen des Aizan, ständig neue Anpassungsleistungen.

Unter dem CDU-Senat sollten zuerst auch Jungen und deutsche Jugendliche mitbetreut werden, dann wurde die Kooperation mit den allgemeinbildenden Schulen untersagt und das Aizan ganz an die Berufsschulen angedockt. Die institutionelle Förderung, die dem Projekt Miete,

Sachkosten und zweieinhalb pädagogische Stellen bescherte, wurde gestrichen, stattdessen musste sich der Träger immer wieder neu um Projektmittel - etwa des Europäischen Sozialfonds - bewerben. Auch die Vokabeln wurden derweil modernisiert: Zuletzt verlangten die staatlichen Geldgeber von Aizan "Übergangsmanagement" zur "Verbesserung des Humankapitals".

Brav passten sich die Mitarbeiterinnen des Aizan immer wieder an neue politische Vorgaben an - und daran, dass jede neue Regierung alles ganz anders machen wollte als die Vorgänger im Amt. Die letzten Hamburger Mittel schluckte in einer ihrer letzten Amtshandlungen schließlich die scheidende Schulsenatorin Christa Goetsch (GAL), um sie für den Aufbau der neuen Produktionsschulen zu verwenden. Einen persönlichen Brief der Aizan-Mitarbeiterinnen ließ die Grünen-Politikerin, die noch Jahre zuvor bekundet hatte, wie sehr ihr das Aizan am Herzen liege, bis heute unbeantwortet.

Angezählt von Schwarz-Grün, kam der Todesstoß nun unter dem SPD-Bildungssenator Ties Rabe. Denn für die selbsternannten sozialdemokratischen Haushaltssanierer zählt vor allem "billig". Als sich das Aizan im Frühsommer erneut um die Integrationsarbeit an den berufsbildenden Schulen bewarb, erlebte es das, was schon für viele Träger im sozial- und arbeitsmarktpolitischen Bereich den Tod bedeutet hat.

Billig-Anbieter bieten ähnliche Leistungen auf dem Papier zu Spott-Preisen an, weil sie mit untertariflichen Dumping-Löhnen kalkulieren, mit denen höchstens unerfahrene Berufsanfänger bezahlt werden können. Das zuständige Hamburger Institut für Berufliche Bildung (HIBB) entschied allein nach den Kosten und gab prompt den Billig-Anbietern den Zuschlag. Freyja Jürgens betrachtet das mit Bitterkeit: "Früher wurde von den Behörden Tariftreue erwartet, heute aber bedeutet sie für Träger das sichere Aus".

Nun erwartet Regine Heiser und Freyja Jürgens als Dank für zwanzig Jahre Engagement der Weg in die Arbeitslosigkeit. Ein Gang, vor dem sie viele ihrer jungen KlientInnen zuvor noch bewahren konnten.

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