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Archiv-Artikel

Wer wollte einen Satan verehren?

betr.: „Unintelligentes Wissenschaftsdesign“ von Isolde Charim, taz Kultur vom 6. 12. 05

Wenn ich Isolde Charims Kommentar zu antidarwinistischen Trends in den USA lese, werden mir gleich zwei mittelalterliche Weltbilder verabreicht. Das eine wird von Frau Charim – zu Recht – kritisiert. Das andere hat sie – zu Unrecht – selber.

Sie spricht von der Kirche und der Theologie, welche die Ideologie vom ID betrieben. Und wer so was schreibt, wer Kirche und Theologie so als einen Block sieht, der berichtet über das Mittelalter. Von einem einheitlichen Auftreten der Kirche in irgendeiner Frage kann man doch gar nicht sprechen. Wer es dennoch tut, hat etwas nicht mitgekriegt, befindet sich also in dem verkorksten Zustand, den er bei den Christen kritisiert. HANS-PETER GENSICHEN, Wittenberg

Charim ist zuzustimmen: Es geht den IDeologen um die Herrschaft über Begriffe und die aus ihr zu beziehende Macht über Schule und Wissenschaft. Dabei dient das inhaltsleere, zugleich aber vorurteilsvolle Schlagwort vom (angeblich) intelligenten kosmischen Bauplan natürlich als trojanisches Pferd für die so anonymisierten Kreationisten. Wenn man aber nicht mehr über den Weltoberingenieur erfährt, als was die Natur allzu schmerzlich und leidvoll über ihn offenbart, taugt er kaum zur moralischen Instanz, muss er vielmehr von erschreckender Grausamkeit und technischer Stümperhaftigkeit sein. Völlig naiv ist auch die biblische Annahme, dass unser doch ziemlich seelenloses und Intelligenz armes Universum das erste und letzte und einzige sei. Warum soll es nicht jenes heute von ernsthaften Physikern angenommene Multiversum mit Abermilliarden von Urknällen und Universen geben? Man kann, wenn man genau hinhört, die nächsten Außeruniversischen über unsere alberne Eingebildetheit, Wesen von großartiger (gar göttlich erschaffener) Intelligenz zu sein, laut lachen hören. Es wird Zeit, über die moralische Dimension von Intelligenz, die bekanntlich auch Verbrecher haben können, nachzudenken. Ich schlage als Kriterium zur ethischen Beurteilung des Weltenbauers die Ersetzung von „intelligent“ durch „malign“ (bösartig) vor: „Malign Design“ kann nicht mehr zu einem Glauben an einen guten Gott dienen. Und wer wollte schon einen Satan verehren? G. KOHLBECHER, Neustadt/Wied