Berliner Platten

Bei Stephan Winkler darf die zeitgenössische E-Musik auch durch die Tanzflure wildern. Vor allem aber hat der Komponist die Post-Produktion für die Neue Musik erschlossen

Deutscher Musikrat: Edition Zeitgenössische Musik – Stephan Winkler (Wergo)

Die Idee ist nicht neu. Reiß die Grenze ein, die dich nervt. Henri Pousseur hat es getan, Iannis Xennakis und György Ligety ebenfalls. Und das Studio für elektronische Musik in Köln ist auch schon über 50 Jahre alt. Wer nun noch Midi-Technologie und angewandtes Sampling hinzuzählt, kommt ganz schnell bei dem heraus, was Neue Musik von heute ausmacht: Der zeitgenössische Komponist schafft am Computer abstrakte Klangarchitekturen, jeder Raum ein eigenes Click’n’Cut-Universum.

Stephan Winkler dürfte so ähnlich angefangen haben, vor etwas über zehn Jahren. Damals hat er „Ambient Music“ produziert, für die er Gitarre, Posaune, Tonband und Live-Elektronik mischte. Wenig später kam „XenophoniX“, als „dance party adventure“, mit zusätzlichen Videoprojektionen. Alles passte ja auch prima zusammen: tagsüber Dozent an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ sein und abends auf Rave-Partys stundenlang dem schnurgeraden Beat hinterherjagen. Ach ja, zwischendurch hat Winkler unter dem Namen Nuuk mit Max Goldt seltsam zerhackte Drum’n’Bass-Chansons aufgenommen. Diese Nervosität ist noch immer da. Auch auf der CD, die Winkler jetzt bei Wergo veröffentlicht hat. Wo früher aber Pop als Wille und Vorstellung hinter dem Konzept stand, ist heute der Deutsche Musikrat der Auftraggeber, der in seiner Reihe „Edition Zeitgenössische Musik“, wie es im Beiblatt heißt, „das Schaffen junger deutscher Komponistinnen und Komponisten dokumentiert“.

Die drei Stücke spielen durchaus das richtige Blatt aus: Auf „Vom Durst nach Dasein“ begegnen sich strawinskyhaft schäumende Geigen und schroff auf der Klarinette geblasene Tonfolgen; „Gullinkambi“ vereint allerlei schwebende Hörner mit einem zerzausten Kontrafagott; und das 20-minütige „Zigzag“ ist ein tolles minimalistisches Pingpongspiel, auf das sich sechs Saxofone einlassen.

Keine Frage, den zeitgenössischen Komponisten kann man sich nach dieser CD als extrem rühriges Wesen vorstellen, das seine Lektion Neue Musik gelernt hat und trotzdem auf dem weiten Feld der Tanzflure wildert. Mal grooven die Sechzehntel hart am Herzschlag, mal dehnt sich irgendein Cluster aus sirrenden Obertönen im Hallraum aus. Trotzdem ist das Ergebnis keine Anbiederung an die Clubboheme, das merkt man schon an der ungeheuren Sorgfalt: Schnitt, Mischung und Produktion dauerten von 2001 bis 2004.

Tatsächlich steht bei Winkler nicht mehr nur die Komposition im Zentrum, die von entsprechenden Instrumentalisten sauberst eingespielt werden muss. Wenn er am Mischpult arbeitet, dann verändert er jede einzelne Stimme, legt nachträglich Stereoeffekte aufs Cello oder schickt eine Flöte durch Echokammern. Ein solches Verfahren ist in zeitgenössischer Musik aber weiterhin tabu. Noch zählt hier die Authentizität der Aufführung als Ausweis für Qualität. Winkler hat mit seiner CD die Post-Produktion eingeführt, das ist dann doch eine unglaubliche Erneuerung für Neue Musik. Ohne Techno wäre sie vermutlich gar nicht denkbar. HARALD FRICKE