NEUES DENKEN

Kein Abfall

Der Nephrologe wusste es schon lange: Es ist nur ein westliches Gerücht, dass Urin Abfall sei. Die Nachricht, dass britische Wissenschaftler aus Urin Strom erzeugt haben, um damit ein Handy zu betreiben, eröffnet eine neue Dimension. Die Natur kennt keinen Abfall: Alles ist in Kreisläufen angelegt. Deshalb arbeiten Urin-Therapeuten damit, dass Urin, der von außen wieder zugeführt wird, den Körper erst in den Stand versetzt, die passenden Antikörper zu bilden.

Es funktioniere im Grunde wie das Prinzip Impfung in der Schulmedizin mit dem Unterschied, dass der Urin als stetiges Hologramm des Körperzustands ein „maßzugeschnittener Impfstoff aus der persönlichen Hausapotheke“ sei. Im Rückschluss bedeute dies: Wer den Kontakt zum Urin unterbinde, mache den Körper dumm.

Fest steht: In allen Kulturen haben Menschen zu allen Zeiten besondere Fähigkeiten des Urins genutzt: in der Landwirtschaft zum Vorkeimen, als Pflanzenschutz, in der Tabakbeize, in der Käseherstellung, in der Backgärung, in der Leder- und Stoffverarbeitung, beim Herstellen und Verdünnen von Farben, als Haushaltsreiniger, in der Pharmazie und in der Tier- und Humanmedizin. Wissenschaftlich sei der Urin so kompliziert wie der Erdmittelpunkt, erklärt ein Experte aus Japan: „Mehr als 4.000 Inhaltsstoffe werden darin vermutet. In der Blase jedes Menschen ist Urin zu jederzeit eine Art Welturaufführung. Mit anderen Worten: Die Komplikation beruht darauf, dass kein Mensch, ja kein Lebewesen jemals eine identische Blasenfüllung in seiner Blase hatte und hat. Wissenschaft jedoch beruht auf der Wiederholbarkeit von Vorgängen. Im Grunde haben wir bis heute nur grobe Parameter über seine Potenzen.“

Alle, die wie der indische Staatspräsident Morarji Desai morgens ein Gläschen für ihr Immunsystem nehmen, berichten davon, dass sie nicht nur durch den Verlust von Eigenekel für sich selbst genießbarer geworden seien. Vielmehr lernten sie selbst zu schmecken, wie es ihnen geht: Ob sie sauer sind oder ob der Urin wohlschmeckend sei, wie sich Essen und Lebensumstände im eigenen Saft abbildeten und lesen lernen ließen. Es liegt also nahe, der Prophezeiung eines Physikers zu glauben: „Da ist noch ein ganzes Universum an Unbekanntem zu entdecken.“

CARMEN THOMAS