Mord und Verachtung im Irak

KOMMENTAR VON ADRIENNE WOLTERSDORF

Das Massaker von Haditha vor wenigen Wochen und die Morde an irakischen Zivilisten, wie sie jetzt offiziell einigen Soldaten der Besatzungstruppen vorgeworfen werden –, all dies feuert die US-amerikanischen Kritiker des Irakkriegs nicht weiter an. Ebenso wenig lassen sich seine Befürworter von ihrem Kurs abbringen. Bis die Folterungen in Abu Ghraib bekannt wurden, mochte sich die US-Öffentlichkeit noch der Illusion hingeben, dass ihre Truppen im Irak wirklich für Demokratie sorgen. Seitdem hat man sich darauf eingerichtet, nicht die kämpfenden Soldaten für Entgleisungen verantwortlich zu machen, sondern die verfehlte Politik des Weißen Hauses.

Und damit bewegt sich die Debatte, so es überhaupt dazu kommt, nur in den bekannten, harmlosen Bahnen. Auch die jüngst entdeckten Morde werden als Ausdruck fehlender Führung und Strategie interpretiert – nicht aber als Verbrechen an sich. Das spiegelt den weit verbreiteten Mangel an Respekt wider, den die US-Gesellschaft insgesamt gegenüber der irakischen an den Tag legt. Die wiederholten Versuche der US-Führung, solche Vorfälle zu vertuschen, belegen dies. Auch die milden Strafen für die Folterer von Abu Ghraib deuten darauf hin.

Selbst den oppositionellen Demokraten dienen solche Vorfälle daher nicht als Wahlkampffutter für die bevorstehenden Kongresswahlen. Auch sie vermeiden jeden Anschein, die Armee zu kritisieren und damit unpatriotisch zu sein. Denn noch immer ist jeder Zweifel am „Krieg gegen den Terror“ unbotmäßig. Auch Hillary Clinton, die mögliche Präsidentschaftskandidatin für 2008, windet sich, indem sie den Krieg zwar nicht für gut hält, ihn aber doch fortsetzen will.

Der Krieg im Irak läuft schlecht, das wissen mittlerweile die meisten AmerikanerInnen. Doch wie aus dem Schlamassel rauskommen? – davon hat niemand eine klare Vorstellung, auch in Washington nicht. Kein Wunder, dass die regierenden Republikaner einen Tick überzeugender wirken, wenn sie sagen, dass Rückzug eine Forderung von Feiglingen sei. Und die Morde? Das Wort „Kollateralschaden“ ist zwar inzwischen verpönt, aber gedacht wird es weiterhin.

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