Das zweite Leben ist jetzt

Ein Rückblick, der alles findet, was er für die Gegenwart braucht: Das Festival „Tanz im August“ feiert sein „Erwachsenwerden“ mit Stücken, die der jüngsten Tanzgeschichte Rechnung tragen, und Diskussionen zum Stand des in der Kulturpolitik Erreichten

Seit 18 Jahren gibt es das Festival „Tanz im August“ – darum feiert es dieses Jahr sein „Erwachsensein“. Das klingt zunächst bemüht, wie die Suche nach dem Extrakick für ein eingeführtes Format, macht aber durchaus Sinn. Denn dass sich in der Infrastruktur des Tanzes einiges verbessert hat und seine Situation gerade in Berlin großen Verschiebungen unterliegt, ist nicht zuletzt auf den Einfluss dieses Festivals zurückzuführen. Die Energien, die seine Protagonisten all die Jahre in die Stadt getragen haben, trugen viel zur Anziehungskraft von Berlin auf die internationale Tanzszene bei.

In diesem Jahr hat endlich die Arbeit an einem hochschulübergreifenden Ausbildungszentrum für Tänzer und Choreografen begonnen. Dass ein solcher Ort so lange in Berlin fehlte, war von Anfang an ein Motiv des Festivals, das jedes Jahr auch ein Weiterbildungsprogramm für Tänzer und Choreografen anbot. Dieses Jahr können sich junge Künstler mit ihren Projekten einzeln beraten lassen. An einem der „Zwischenruf“-Abende im Podewil wird diskutiert, was die Veränderung der Schwerpunkte in der Tanzförderung mit sich bringt. Heißt mehr Geld für Ausbildung und Vermittlung weniger Geld für die Kunst? Das sind ziemlich genau die Probleme, die das Erwachsenwerden ausmachen: sich plötzlich den Folgen der Erfüllung langgehegter Wünsche gegenüberzusehen.

Vor allem aber berechtigt das Programm, das bis 2. September 24 Produktionen eingeladen hat, den Geburtstagsgedanken mit Sinn zu füllen, reflektiert doch ein Teil der Gastspiele die Geschichte des zeitgenössischen Tanzes auf ungewöhnliche Weise. So setzten Louise Lecavalier aus Montreal, Ann Liv Young aus New York und Michèle Anne De Mey aus Charleroi am ersten Wochenende gleich mit drei großartigen Stücken unterschiedliche Akzente, um biografische Ansätze mit einem distanzierten Blick auf das Potenzial der eigenen Kunst zu verbinden.

Eindringlich, berührend und schmerzhaft fiel das bei Louise Lecavalier aus, anarchistisch bei Ann Liv Young, mitreißend bei Michèle Anne De Mey. Louise Lecavalier war früher der Star der kanadischen Gruppe LaLaLa Humans Steps, die das Tempo des Tanzes in den 80er-Jahren ungeheuer beschleunigte und deren Stücke aus der Verausgabung und Verschwendung lebten. Ihre Solos heute, die Crystal Pite und Benoit Lachambre ihr als Porträts auf den Leib geschrieben haben, sind dagegen von extremer Langsamkeit gezeichnet und dem Zweifel am Sinn der Bewegung. Lecavalier ist eine Ikone, und ihre Ausstrahlungskraft ist noch immer ungebrochen, auch wenn sie, wie in Lachambres Regie, in Schichten von weiten Trainingshosen und Kapuzenshirts fast verlorengeht.

Seit einem Unfall an der Hüfte kann sie nicht mehr am Training des Balletts teilnehmen. Ihre Bewegungsfähigkeit aber ist immer noch extrem, die Kraft außerordentlich. Zwischen einer Ballettstange und einem Stuhl schiebt sie sich auf der Bühne des Podewil in außerordentliche Positionen, die oft, nicht von ungefähr, an die Kunststücke der Hiphopper erinnern, durch den verlangsamten und unheimlichen Fluss der Kraft aber einen ganz anderen Ausdruck gewinnen. Das hat etwas Nachtwandlerisches und Geisterhaftes, ist von faszinierender Präsenz und schmerzhafter Abwesenheit zugleich erfüllt. Als ob sie sich in Erinnerung verliert und darin unerwartet ihr neues Leben findet.

Ann Liv Young ist zwar erst 24 Jahre alt, ihr kurzes Stück „Solo“ aber gleicht einem Album der Popgeschichte und deren Versprechen von Sexyness seit der Hippiezeit und Andy Warhols Factory. Alles spielt in einem Wohnzimmer, pinkfarben ausgeleuchtet, das ihr eigenes New Yorker Loft zitiert. Zusammen mit Liz Santoro und Michael Guerrero performt sie sich durch ein Set von Videoclips, Erotikdance und Schokoladensoßen-Animation, mit großer Entschlossenheit und fast militärischem Drill, der all die Gesten von Lockerheit und Glück ins Komische verrutschen lässt. Zwischen den Nummern tigert sie ungeduldig über den rosa Teppich und springt – krawumm – mal so ganz nebenbei in ein Regal, das zusammenkracht. Das ist eine sehr gelungene Relektüre der Träume von der Befreiung in Sex und Pop und allem, was ihnen immer wieder im Weg stand.

Aus dem Geist einer Party ist auch Michèle Anne De Meys Choreografie „Sinfonia Eroica“ geboren, die in der Schaubühne aufgeführt wurde. Das Stück entstand zuerst 1990, und sein Erfolg trug zur Rede vom „Tanzwunder aus Belgien“ bei. 99-mal wurde es aufgeführt, dann erlaubten die finanziellen Ressourcen nicht länger, es weiter im Repertoire zu behalten. Eine Rekonstruktion mit jungen Tänzern, die das Stück neu lesen, wurde erst möglich, als De Mey in das Leitungsteam des Tanzzentrums von Charleroi berufen wurde.

Es geht um nichts in diesem Stück und um alles, was zwischen Freunden auf einer Party verhandelt wird. Alles geschieht wie nebenbei. Auch die Musik, von Mozart und Beethoven, wird, wie ein Nebengedanke im Kopf, nie zum Hauptmotiv. Die Bewegungen springen manchmal auf ihre Energie auf, treiben wie Schaum auf ihren Wellen oder tauchen, wenn sich die Tänzer über den Boden rollen, unter ihr durch; immer mit einem Understatement, das von großen Gefühlen weiß, sie aber nicht mit dem eigenen Leben verwechselt. Drehungen, Sprünge, Läufe; Solos und Ensembleszenen – alles kommt aus einer entspannten Haltung, die Bewegung oft mehr skizzierend als groß ausführend, und gerade das gibt dem Stück Leichtigkeit und Transparenz.

So steht „Sinfonia Eroica“ nicht nur für ein Stück Historie, als der Geist des Ensembles und die Offenheit des Ausprobierens als verlockende und gestaltende Kräfte entdeckt wurden, sondern auch für ein Konzept, dem sich nach wie vor viele schöne Stücke verdanken: ein Rückblick, der alles findet, was er für die Gegenwart braucht.