portrait

Eine Frau für den UN-Vorsitz

Die Zeit ist gekommen, dass eine Frau ernsthaft für dieses wichtige Amt kandidiert“, erklärt Vaira Vike-Freiberga auf ihrer Webseite, warum sie sich für das höchste UN-Amt bewirbt. Schon am vorletzten Wochenende sprach sich am Rande des EU-Asem-Gipfels in Helsinki herum, dass Lettlands Staatspräsidentin für die Nachfolge Kofi Annans kandidiert. Ein Zeichen setzen könne eine Frau als UN-Generalsekretärin, erklärte Vike-Freiberga da: „Die wichtigen Entscheidungen werden nach wie vor zum größten Teil von Männern getroffen, und in vielen Ländern genießen Frauen keine gleichen Rechte.“ Seit 60 Jah- ren würden die UN männlich geführt, dies sei „ein Manko“. Nun nominierten die Regierungen Estlands, Litauens und Lettlands die 68-Jährige gemeinsam. Und sie wäre vermutlich eine Kandidatin, auf die sich ganz Europa einigen könnte. 1999 erstmals und 2003 wiedergewählt, bewies die emeritierte Psychologieprofessorin großes diplomatisches Geschick als Staatsoberhaupt und avancierte zur populärsten Politikerin ihres Landes.

Geboren in Riga, floh Vike-Freiberga 1945 vor der Roten Armee. Der Fluchtweg, der erst 1954 in Kanada endete, verlief über Deutschland, Frankreich und Marokko. Auch ein Grund, warum sie neben Lettisch und Englisch auch Deutsch, Französisch und Spanisch flüssig spricht. Nach Abschluss ihrer wissenschaftlichen Laufbahn an der Uni Montreal kehrte sie im Juni 1998 in ihre Heimat zurück. Dort wurde ihr erst die Leitung des neu gegründeten „Lettischen Instituts“ anvertraut, bevor eine Parlamentsmehrheit sie ein Jahr später zur Staatspräsidentin wählte.

Die mit dem Informatikprofessor Imants Freibergs verheiratete Lettin könnte realistische Chancen auf die Annan-Nachfolge wohl nur haben, wenn sich asiatische Kandidaten gegenseitig blockieren sollten. Denn nach der ungeschriebenen Tradition wäre nach zwei Afrikanern nun ein UN-Chef aus Asien dran. Als Kompromisskandidatin würde sich Washington für sie sicher stark machen. Sie unterstützte den Irakkrieg und pflegt enge Beziehungen zum US-Präsidenten. Für Moskau dürfte sie zumindest nicht von vornherein inakzeptabel sein: Schließlich engagierte sie sich im Amt ohne Rücksicht auf Popularitätsverluste für grundlegende Rechte der russischen Minderheit in Lettland und blockierte mehrfach diskriminierende Gesetze der nationalistischen Hardliner. Auch aktuell weigerte sie sich mal wieder, ein Gesetz zu unterschreiben, und reichte es zum zweiten Mal ans Parlament zurück: Ein Antidiskriminierungsgesetz, das die Rechte von Schwulen und Lesben von seinem Schutz ausnehmen wollte.

REINHARD WOLFF