DIE WORTKUNDE

Streik am Berg: Wegen des Lawinenunglücks am Mount Everest, bei dem am Karfreitag 16 Menschen ums Leben kamen, haben die Sherpas eine einwöchige Trauerzeit abgehalten und alle Expeditionen abgesagt. Viele Sherpas wollen den Berg aus Respekt vor den Toten auch für den Rest der Saison nicht mehr besteigen, doch nicht alle Expeditionsveranstalter wollen sich daran halten. Die nepalesische Regierung, für die der Everest-Tourismus eine wichtige Einnahmequelle ist, verlängerte daher die diesjährigen Expeditionsgenehmigungen um fünf Jahre.

„Sherpa“ (Angehöriger einer Volksgruppe im Himalaja) setzt sich aus den tibetischen Silben shar (Osten) und pa (Volk, Menschen) zusammen und bedeutet so viel wie „Menschen des Ostens“. Umgangsprachlich wird „Sherpa“ oft allgemein für „Hochgebirgsträger“ verwendet. Auch die (schriftlose) Sprache der Sherpas heißt Sherpa. Im Politjargon werden die Chefunterhändler für G-8-Gipfeltreffen gelegentlich als Sherpas bezeichnet.

Der Sherpa-Streik hat tiefere Ursachen als das Lawinenunglück: Seit Jahren herrscht Massentourismus auf dem höchsten Gipfel der Erde, die nepalesischen Bergführer müssen immer mehr leichtsinnige und unerfahrene Kletterfreaks auf den Berg hieven, die Umweltverschmutzung nimmt zu, die stetig mehr werdenden Tourenveranstalter betreiben Lohndumping und setzen die Sherpas unter Druck, mit den Expeditionen weiterzumachen.

Es ist eine Konfrontation von Menschen des Ostens und des Westens, die sich am Everest abspielt. Der Streik könnte vielleicht bewirken, dass Letztere ihren Respekt vor dem Gipfel und den als „Trägern“ verkannten Sherpas zurückgewinnen.

ERIK WENK