KURZKRITIK: ULRICH FISCHER ÜBER FALLING MAN

Im Sturz: die USA

Ist in Don DeLillos Roman über den Anschlag auf das World Trade Center der „Fallende Mann“ noch eine vieldeutige Metapher, erscheint er auf der Bühne des Thalia als eindeutiges Symbol für den Niedergang der Weltmacht USA. Sandra Strunz und ihr Ensemble deuten „Falling Man“ in ihrer Bühnenbearbeitung prononciert politisch. Die provozierende These wird durch die episodenreiche Handlung plausibel begründet.

Keith arbeitet im Welthandelszentrum. Nachdem er dem Anschlag entfliehen konnte, schlägt er den Weg zu seiner Exfrau ein. Oft wird auf der Bühne die Frage aufgeworfen, warum Keith sich entschlossen hat, gerade zu ihr zu gehen – aber diese Frage wird nie beantwortet.

Wie im absurden Drama kommt nur selten ein wirklicher Dialog zustande. Die Figuren sind viel zu sehr mit sich beschäftigt. Stattdessen zerstreut sich Keith lieber: Musik, Sex, Kunst, Poker.

Im Programmheft wird Joan Didion zitiert. Die amerikanische Schriftstellerin beschreibt, wie lange es gebraucht hat, bis sie und ihre Freunde bemerkt haben, dass die Konservativen um Ex-Präsident Bush den Anschlag für ihre politischen Zwecke instrumentalisiert haben – diese politische Dimension des 11. Septembers erfasst keine der Figuren in Strunz’ Inszenierung. Gerade dieses Unpolitische jener Amerikaner, das die Aufführung aufspießt, ist politisch.

Strunz gelingt es nicht, ihre kluge Konzeption szenisch umzusetzen. Manchmal hängt einer der Akteure kopfüber-kopfunter an einer Leiter – ein hilfloses Bild. Die Schauspieler wirken ratlos, kaum eine lebendige Gestalt. Nur Barbara Nüsse gelingt das Porträt einer älteren Amerikanerin, die es ablehnt, sich mit den Motiven der Terroristen auseinanderzusetzen: Sie wirkt selbstgerecht und borniert.

Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.