blumfeld löst sich auf und wird zum neuroelektrischen impuls von JOACHIM FRISCH

In der berühmten Fallsammlung „Der Mann, der seine Frau mit eine Hut verwechselte“ beschreibt Oliver Sacks eine seltene Spielart der Epilepsie. Beim Anfall hört der Geplagte ein Musikstück, je nach Genre mit Pauken und Trompeten oder verstimmten Gitarren und dem Knarzen der zerfetzten Membrane der Bassbox. Die Musik ist für den Epileptiker so real und so laut wie im Konzert. Demnach existiert ein zerebraler MP3-Speicher, dessen Tracks nur bei Epileptikern abgerufen werden und dessen Zufallsgenerator nur ein einziges Mal funktioniert. Hat er einen Song, eine Sinfonie oder einen gregorianischen Choral ausgewählt, so bleibt dies für alle Zeiten die Anfallsmusik. So wird selbst das geheimnisvollste, subtilste Werk zur Plage.

So wenig wie der musikalische Epileptiker dieser vom Einweg-Randomizer ausgewählten Musik entkommt der Musiknerd der Frage, welchen Song er für seine musikalischen Anfälle auswählen würde, könnte er seinen inneren MP3-Player durch Elektroschocks aktivieren und hätte er die Wahl. Gibt es den Song, den man jederzeit ertragen kann, wann immer dies irgendeinem neuroelektrischen Impuls passt? Das ist der ultimative Test für den idealen Song.

Songs, an denen sentimentale Erinnerungen kleben wie angelutschte Honigbonbons, scheiden aus. Das sind schon mal zehn Jahre Musikgeschichte, alles, was man zwischen dem zwölften und zweiundzwanzigsten Lebensjahr mochte. Schöne Melodien gehen auch nicht. Listig biedern sie sich an, um dann in Form des gemeinen Ohrwurms unentwegt an den Nervenenden im Innenohr zu nagen. Bleibt das Geheimnis. Ein Song muss es sein, der so viel Geheimnis in sich birgt, dass er noch beim 266. Hören neue Assoziationen weckt, neue Saiten auf der E-Gitarre der Emotionen anzuschlagen vermag.

Da erscheint ohne Vorwarnung in meinem Oberstübchen ein neuroelektrischer Impuls und flüstert: Blumfeld. Bis zur Auflösung in der vergangenen Woche hat diese Band es geschafft, ein gefühltes Jahrhundert lang die deutschsprachige Intelligenzija bei Laune zu halten. „Aspekte“, Die Zeit, FAZ, alle haben sich in Zeilen wie „Wo du erschufst, kannst du nicht weichen / Stattdessen wirfst du alles hin“ aus „Jenseits von Jedem“ diskursiv gesuhlt. In jenem Vers geht es um nicht weniger als den guten, alten, lieben Gott, in der Deutung des Sängers und Dichters Jochen Distelmeyer: ein zunächst tyrannischer Protagonist, der seine Geschöpfe für Lappalien unverhältnismäßig sanktioniert, dann aber nach einer Schlacht, in der sein Verkünder Hiob zum Schweigen gebracht wird, schließlich eine smarte Lösung findet: der gute Sohn am Kreuz …

Gott und die Welt in einer Strophe, einer von neun in „Jenseits von Jedem“, genug diskursiver Stoff für den Rest meiner Tage. Die Melodie ist nur mittel, birgt also wenig Ohrwurmrisiko. Also bekenne ich mich zu Blumfelds „Jenseits von Jedem“. Er ist mein individueller Anfalls-Popsong. Insgeheim hoffe ich dabei auf die Neurobiologie, dass sie bald die individuellen Synapsenverbindungen für zerebral gespeicherte Musik entschlüsselt und so das Menschenrecht der freien Musikwahl ermöglicht, für musikalische Epileptiker und für alle Musik-Nerds.