: Warum sind Arbeitgeber knickerig?
■ betr.: „Professor Miegels bittre Medizin“, „Arbeit wird immer un bedeutender“, Interview mit Ul rich Beck, Zukunftskommission, taz vom 26.11. 97
Daß Beck in die Fahrwasser des ökonomischen Liberalismus geraten würde, war zu erwarten. Seine These der „Individualisierung“ trägt er zwar zusammen vor mit einer Anklage der zunehmenden Armut und sozialen Ungleichheit, aber für diese „soziale Ungleichheit“ gibt es keine Kategorie und erst recht kein soziales Subjekt mehr. Denn von Klassen oder auch Schichten möchte er nicht mehr reden, bei ihm sind es zum Beispiel „immer größere Kreise“ (Globalisierung, S. 166), „die Ausgeschlossenen“ oder „Individuen, deren Stärken gering bewertet werden“ (S. 167).
Es gibt bei ihm faktisch keine „soziale“, sondern nur eine Anhäufung von „individueller“ Ungleichheit. Die tatsächliche Entwicklung ist genau umgekehrt, die Klassen- und Schichtenverhältnisse verhärten sich: wer hat, dem wird gegeben, wer nicht hat, dem wird genommen. Die Risiken sind höchst ungleich verteilt: Wer in eine Familie mit Aktienvermögen geboren ist, bleibt reich, auch wenn er krank wird. Bildung statt bloßer Ausbildung, wie sie Beck fordert, können sich die gesicherten Mittelschichten des Bildungsbürgertums für ihre Kinder leisten, aber nicht die immer mehr Studierenden, die ihr Studium selbst finanzieren müssen.
Natürlich hat die Verlagerung von der Industrie zu den Dienstleistungen die Klassenverhältnisse noch unübersichtlicher gemacht; aber in einfache Kategorien und den schlichten Dualismus von „Arbeiterklasse“ und „Kapitalistenklasse“ paßten die Menschen auch vorher nicht hinein; und auch in den zwanziger Jahren gab es den Absturz von Angehörigen der Mittelschichten in Armut ebenso wie den einen oder anderen „Tellerwäscher“, der zum „Millionär“ wurde.
„Die Arbeit wird immer unbedeutender“; das stimmt eben nur, wenn man auf die Produktion von Gebrauchswerten sieht – in der Tat könnte die Menschheit heute mit weniger harter Arbeit als früher ihr Überleben sichern. Aber Arbeit ist für die Produktion von Mehrwert nach wie vor der zentrale Faktor. Es wäre ja so schön: wenn die Arbeit immer unbedeutender wird, während ja bekanntlich „die Wirtschaft“ weiter wächst – warum sind denn dann bloß die Arbeitgeber so knickerig –, das bißchen Arbeit kann man doch wenigstens fürstlich entlohnen: Statt dessen gibt es einen ungeheuren Kampf gegen die angeblich zu hohen Arbeitskosten, Lohndumping ist angesagt, auch die Beck-Miegel-Kommission will eine Senkung der Arbeitseinkommen und, wie alle Parteien, der Lohnnebenkosten.
Die Senkung der gesamten Lohnnebenkosten ist das Ziel – dafür wird auch der internationale Wettbewerb genutzt, und die Einführung des Euro wird hier einen wesentlichen Schritt „voran“ führen. Die Senkung der Lohnkosten ermöglicht es dann vielleicht auch, Sektoren wie Hausarbeit, Pflege usw., die partiell noch als Eigenarbeit funktionieren, in die kapitalistische Wirtschaft einzubeziehen. Die häusliche Pflege nach der Einführung der Pflegeversicherung ist dabei ein Beispiel für das Entstehen von Niedriglohn-Jobs ebenso wie die auch in diesem Bereich schnell einsetzende Konzentration und Vermarktung. Irgendwann bietet dann eben MacDonald's auch Dienstmädchen für den Haushalt und Mikrosoft Nachhilfelehrer per Internet an – vielleicht als formal „selbständige Honorararbeiter – sind diese dann ein Beispiel für die von Beck geforderte „unternehmerische Wissensgesellschaft“?
Arbeit ist nach wie vor die einzige Ware, die einen Mehrwert erzeugt. Der Reichtum beruht auf der Produktivität der Arbeit – und die steigende Produktivität der Arbeit ist der Grund, warum weniger Arbeitskräfte weniger Arbeitszeit benötigen werden. Es gibt nicht eine „Ersetzung von Arbeit durch Wissen und Kapital“, sondern allein eine erhöhte Produktivität der Arbeit, die mit Wissen ausgestattet ist und mit dem Kapital kombiniert wird.
Vielleicht ist es doch sinnvoll, nach den nebulösen Gesellschaftsbestimmungen wie „Risikogesellschaft“ sich doch wieder die Funktionsmechanismen des Kapitalismus genauer anzusehen. Michael Rothschuh, Hildesheim
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