EDITORIAL VON DOMINIC JOHNSON

Die ganze Welt wahrnehmen

Zum Jahreswechsel 2014/15 bestimmen Ängste den deutschen Blick auf die Welt. Es vergeht ein Jahr voller neuer Konflikte mit erheblichem Eskalationspotenzial, von der Ukraine bis zur Terrormiliz IS; es kommt ein Jahr voller Unwägbarkeiten, von der erneut akuten Eurokrise bis zum Umgang mit der rapide steigenden Zahl von Flüchtlingen. Je lichter Deutschland politisch und ökonomisch als eine Oase der Stabilität daherkommt, desto düsterer und gefährlicher wirkt die große weite Welt da draußen.

Das trübt die Sinne. Denn in Wirklichkeit dreht sich die Weltpolitik längst nicht mehr vorrangig darum, was in Washington, Brüssel, London, Paris oder Berlin gesagt wird. Asien, Afrika, Lateinamerika, der arabische Raum – sie alle haben sich vom eurozentrischen Blick verabschiedet. Die jungen, aufstrebenden Kontinente führen ein Eigenleben, auch untereinander. In der europäischen Öffentlichkeit kommt davon jedoch nur das an, was als Krisenphänomen bis hierher schwappt. Je mehr die große, weite Welt sich emanzipiert, desto weniger nehmen wir hier wahr, was woanders die Menschen bewegt und den Lauf der Dinge bestimmt.

Mit dieser Sonderausgabe versucht die taz, dies geradezurücken. Auf den Schwerpunktseiten wird beispielhaft dargestellt, wie sehr der globale „Süden“ inzwischen frei vom alten „Norden“ agiert – nicht als romantisierende Verklärung, die jede antiwestliche Demagogie als emanzipatorischen Akt lobt, sondern als objektive Erklärung, die eine wirklichkeitsnahe Perspektive auf die globale Realität bieten soll. Auch im Rest der Zeitung wird durch einen bewussten Perspektivenwechsel der Blick umgelenkt und für die Vielfalt der Welt geschärft.

Zum Anspruch der taz gehört es ohnehin, einen solchen Perspektivenwechsel nicht nur als einmalige Spielerei zu begreifen. Auch im täglichen Umgang mit dem Weltgeschehen sollten Unvoreingenommenheit und Neugier über Vorurteil und Angst siegen. Für die Öffentlichkeit insgesamt ist das eine Herausforderung. Für Medien, die die Wirklichkeit vermitteln sollen, ist es Verpflichtung.