Sie benutzen ihre Badewannen

ORTSTERMIN Die Aufmerksamkeit für die Occupy-Bewegung schwindet weltweit langsam, Polizisten bereiten sich auf die Räumung der Besetzer vor. Ein vielleicht letzter Besuch

Für Londons Oberbürgermeister sind die Besetzer schlicht „Verkrustete“

AUS LONDON STEFFEN GRIMBERG

Von Osten sieht man gar nichts: Die immer noch ziemlich frisch gesandstrahlte St. Pauls Cathedral steht mächtig rum, die Blumengärtchen davor sind schärfstens abgezäunt und closed to the public. Erst an der Schokoladenseite, wo der Kirchehaupteingang stolz die Fleet Street hinunterblickt, kommt OccupyLSX in Sicht. „Wie hutzelig“, sagt ein Typ im Anzug zu seinem Kumpel, mit dem er in der Mittagspause Protestlergucken macht. „Von wegen“, sagt Ned – schon seit gut drei Woche dabei –, es passten einfach nicht mehr Zelte drauf.

Stimmt: Was das bisschen gepflasterte Erde an der Nordwestseite der Kirche hergibt, ist fast komplett mit Zelten besetzt. Wäscheklammern oben am Zelteingang sollen eigentlich anzeigen, wo noch ein Schlafplatz zu haben ist, doch seit die City of London Corporation einfach frech ihre „Eviction Notices“ an die Klamern gehängt hat, sind die meisten verschwunden.

Verschwinden sollten eigentlich auch die Zelte, bis gestern Abend um sechs Uhr Londoner Zeit, doch „da kann die Corporation lange warten“, heißt es trotzig bei Occupy London. Auf den jetzt folgenden Prozess sind beide Seiten vorbereitet: die City of London, diese eigene, kleine Stadtverwaltung für das Bankenviertel, die zusammen mit der City of Westminster das ausmacht, was gemeinhin „London“ genannt wird, wie die Protestler. Am heutigen Freitag werden die Stadtbeamten zum High Court marschieren, der dürfte in der nächsten Woche entscheiden, ob überhaupt geräumt werden kann. Derweil diskutieren die Constables der ebenfalls eigenen City of London Police am Rande anscheinend ganz gern mit den Protestlern. Nur wenn man sie drauf anspricht, drehen sie sich schnell weg. Auf den Stufen vor der Kirche langweilen sich ein paar JournalistInnen.

CHANGE, Veränderung, steht auf fast jedem Plakat in der Zeltstadt, hinten dampft die Küche, es wird um Essenspenden gebeten, „vor allem Bananen und Tomaten“. Der heute Mittag verabreichte Schlabber sieht jedenfalls recht rötlich aus, Ned gibt seinen Teller ab und muss weiter, das nächste Meeting ruft. Wieder einmal geht es darum sich dem Bild zu widersetzen, das hier nur abgehalfterte Individuen und Berufsprotestler Krawall machen, bevor der Herbst gar zu kalt wird.

Anfang der Woche hatte Londons konservativer Oberbürgermeister, der die Protestler „Crusties“, Verkrustete, nennt und selbst von der Presse liebevoll beim Vornamen „Boris“ gerufen wird, noch Öl ins Feuer gegossen: Das ganze Rumprotestieren gegen den Kapitalismus sei „ärgerlich“, und nun sehe die Welt „eine Stadt, wo ihr Protestler das Recht habt, eure Meinung zu sagen“, brabbelte Boris Johnson ausgerechnet bei einem Charity-Dinner, „bis ein Richter die Eier hat, gerichtlich festzustellen, dass ihr nun mal tatsächlich den Highway blockiert“.

„Egal, was ihr über Sozialhilfeerschleicher, desillusionierte Oberschichtskinder und Berufsaktivisten gelesen habt: In diesem Zelt arbeiten Mütter, Heiler und Mitarbeiter des National Health Service (NHS)“ steht am Erste-Hilfe-Zelt. „Ein System, das seine Leistungen für Ältere, Kinder und Behinderte kürzt, anstatt von Unternehmen und ihren Vorständen einen fairen und angemessenen Beitrag zu verlangen, muss reformiert werden.“ Auch Alan meint, er habe gar nichts gegen Kapitalismus, schließlich arbeitet er selbst „in Financial Services“, wie er sagt: „ Aber dieser Kapitalismus ist außer Kontrolle und muss eingefangen werden.“

Das eigentliche Ziel des Protests, die Londoner Börse, liegt – unerreichbar für Occupy – hinter dem Paternoster Square, auf rein privatem Land, das seit Wochen abgesperrt ist. „Wir wollen mit Ihnen diskutieren, das ist alles“, sagt Allan. Aber die meisten Schlipsträger hasten schnell weiter. Doch die Occupy-Bewegung als komische Spinner, Drogensüchtige und langhaarige Bombenleger abzutun, wird auch in London nicht verfangen. Occupy ist die smarte Seite des Protests, entsprechend selbstironisch ist auch die Reaktion auf das „Crusties“-Bonmot von Boris Johnson. „Ich bin ein Mittelschicht-Protestler, ich fahre jeden Abend heim zu meiner Badewanne“, ruft ein mittelalter Mensch im Anzug ins Megafon. Und auch der „selbstständige Unternehmer“ mit dem Fensterputzerladen, der danach spricht, sagt, er wohne seit zwei Wochen im Camp – „aber auch ich bade täglich“.