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Der Chef - Un flic

 ■ V O R L A U F

(ZDF, Samstag, 23.10 Uhr) Jean-Pierre Melvilles Thriller Der Chef ist vielleicht nicht sein bester Film, aber er kann mit einem der stärksten Sprüche aufwarten, die je das Thema für einen Krimi abgegeben haben: „Zweierlei Empfindungen ruft der Anblick eines Menschen in einem Polizisten wach: tiefstes Mißtrauen und Verachtung„. Der Spruch stammt vom Regisseur und nicht, wie im Vorspann angegeben, von Eugene-Fran?ois Vidocq.

Der technisch absolut perfekte Film erzählt, wie alle Filme von Melville, von Männerfreundschaft, Liebessehnsucht, Verrat und Tod: In einem französischen Küstenort wird während eines heftigen Sturms eine Bank überfallen. Einer der Räuber wird dabei angeschossen, und seine Kameraden liefern ihn im Krankenhaus ab. Als die Zeitungen melden, daß einer der Täter verwundet wurde, schicken diese eine Komplizin (Catherine Deneuve) in die Klink, die das potentielle Sicherheitsrisiko für immer zum Schweigen bringt. Kommissar Edouard Coleman (Alain Delon) beschäftigt sich auf der anderen Seite des Gesetzes intensiv mit den beiden Fällen. Er ahnt nicht (noch nicht), das sein Freund, der Nachtclubbesitzer Simon (Richard Crenna), der Kopf der Bande ist. Der nächste Coup ist ein Überfall auf einen Heroin-Kurier, der im Schlafwagen von Paris nach Spanien unterwegs ist. Simon seilt sich aus einem Helikopter auf den fahrenden Zug ab, schnappt sich die Beute und kehrt in den Hubschrauber zurück. Diese Szene, ohne jede Hintergrundmusik, gehört mit zu den packensten und spannendsten des ganzen Films. Inzwischen ist Coleman seinem Freund aber auf die Schliche gekommen, und er beweist ihm und seinen Leuten, daß ein Bulle es in Sachen Gewalt und Intelligenz mit jedem Verbrecher aufnehmen kann.

Melville hat den Film in einem fahlen Licht, das die Farben wie ausgebleicht erscheinen läßt und ihnen jeglichen Glanz nimmt, inszeniert. Grau-, Blau-, und Grüntöne beherrschen die Bilder. Die seltenen Dialoge und die sparsame Gestik und Mimik der Schauspieler tragen mit dazu bei, eine schwermütige Atmosphäre der Hoffungslosigkeit zu schaffen. In der letzten Einstellung des Films sieht man Alain Delon, den Bullen, hinter dem Lenkrad seines Wagens, wie er wie versteinert, aber auch unendlich traurig in die Kamera blickt.

Der Chef war Melvilles letzter Film. Er starb, gerade 56 Jahre alt, am 3.August 1973 in einem japanischen Restaurant in Paris an einem Herzanfall.

Karl Wegmann

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