: HARIBO MACHT MOABIT FROH
■ TU-Symposium „Moabiter Werder“
Daß der Moabiter Werder mehr sein kann als noch brachliegendes Bauland für neue Wohnungen oder ein zukünftiges Blumenbeet mit kultuviertem Buga-Wäldchen, zeigen acht Landschaftsmodelle, die StudentInnen am Fachbereich Landschaftsentwicklung der TU gemeinsam mit west - und osteuropäischen KomilitonInnen entwarfen. Bei ihrem internationalen „European Design Symposium - Milkyway“ führten sie eine Woche lang einen akademischen Diskurs über Methoden gestalträumlicher und gartenästhetischer Programmatik, kneteten Gummibärchen zu fiktiven Bäumchen und wickelten Lakritzrollen zu schwarzen Schienensträngen, nagelten Hölzchen zu Brücken und malten, hauptsächlich mit der Farbe Grün, ein Bild vom Moabiter Werder, das einen sensiblen Umgang mit Natur und Geschichte widerspiegelt.
Künstlich angelegte Schuttberge, Erdvertiefungen wie Bombenkrater aufgestelzte Promenaden und Glaspavillons über ruinösen Fundamenten zwischen wilder Spontanvegetation sind Indizien für einen Ort, in dessen Leib sich die Geschichte auf fatale Weise eingeritzt hat und dessen Gestalt und Charakter der historische Prozeß nicht entkommen darf. So bleibt in fast allen Entwürfen der Wildwuchs lebendiger Natur erhalten, nicht rausgerissen und gebändigt. Kreatürliche Vegetation inmitten alter Schienen, ausrangierte Eisenbahnwaggons und überwachsene Architektur versinnbildlichen das Vergängliche an Spuren ehemals technischer Übermacht. Als Bestandteil des Werdens dieses Geländes, das sich selbst ein Gesicht gegeben hat, sind die künstlerischen Formen nur mehr verstärkte Zeichen desselben Themas.
So radikal in zwei Entwürfen die Straße unter die Erde gebannt wird, die S-Bahn-Bögen durchbrochen werden, um nach Moabit eine Öffnung zu schaffen, Sport und Spielplätze ganz vereinzelt plaziert sind, so konsequent wird Architektur an den Rand des Biotops gedrängt, quasi als deren Wächter. Daß trotzdem ein Entwurf mit einem dekonstruktivistischen Architekturgebilde kokettiert, ein riesiges kreuzförmiges Wohnmonument über dem Moabiter Werder legt, tut der Veranstaltung keinen Abbruch. Aber daß sich das Symposium nur als landschaftsplanerische Übung im internationalen Austausch verstand und nicht in die aktuelle politische Debatte um den Moabiter Werder eingreifen kann, nimmt den Entwürfen ihre mögliche Brisanz. Leider ist noch nicht entschieden, ob und wo sie ausgestellt werden. Es wäre schade um die Varianten zum alten Thema. Sicher ist, daß die „Milkyways“ eine kleine Dokumentation erstellen, über Verlauf und Ergebnis des Symposiums.
rola
Interessenten zu Thema und Dokumentation können sich an die Gruppe „Milkyway“ am FB Landschaftsentwicklung an der TU wenden, Franklinstraße 28/29 in 1-10.
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