piwik no script img

Forme(l)n des Geschlechterkampfs

■ „Medea Medea“ uraufgeführt in Nürnberg

Schweigen wir von Medea, der alten Medea. Von ihrer Kraft und Rachsucht, von der Anarchie ihres Begehrens, von ihrer männerübertrumpfenden Klugheit, der List ihres Intellekts. Schweigen wir auch von ihrer dennoch abgründigen Verzweiflung im Liebesverrat, den sie doch hätte ahnen können.

Sprechen wir von Medea Medea, uraufgeführt an den Kammerspielen Nürnberg, einem Stück und einer Inszenierung von Christian Achmed Gad Elkarim und Helmut Lorin.

Zwei Autoren, Schauspieler der eine - Lorin wird auch die Rolle des Jason spielen -, Regisseure beide, lesen über einen Gerichtsprozeß: Eine Metzgersgattin hat ihre beiden Söhne ermordet. Und wie schon der Reporter denken sie an Medea, sie schreiben ein Stück. Medea Medea also, oder: die Wiederkehr eines antiken Stoffes in der Gegenwart.

Den Text des Euripides, so Gad Elkarim/Lorin, hätten sie als Material betrachtet, um ohne museale Ehrfurcht daraus ein eigenes Stück zu bauen. Ausschließlich aus neuübersetzten Zitaten ist deshalb der dritte Akt collagiert - eine Art Kurzfassung der doppelbödigen rhetorischen Gefechte zwischen Jason und Medea in der antiken Tragödie, jedoch ohne deren Zusammenhang.

Kann sein, daß die große Medea der Alten ausspricht, was auch jene Medea von heute dumpf unverstanden fühlt: In vielem denke ich, die Frau, anders als Menschen, Männer, es tun. Gad Elkarims Inszenierung aber negiert, was Medea einst ausmachte, ihre Revolte, die unauslotbare Verschränkung von Bewußtheit und Affekt in ihrem Tun.

Medea die Metzgersfrau (Klara Höfels) klammert sich an ihre kleinen Träume vom großen Glück; ein bißchen mehr Liebe und Sex, dazu ein achtbar geführtes Metzgergeschäft reichen ihr schon aus. Schutz sucht sie und Zuflucht bei einem starken Mann. Doch der will sie nicht mehr, und er will auch nicht mehr schlachten.

Die ganz normale Ehewelt von Jason und Medea im Nürnberger Theater ist eine leergeräumte Idylle deutscher Gemütlichkeit, deutsche Eiche gesäumt von einem blutroten Gesims. Nach rechts durch den Duschvorhang geht der Weg in das Metzgergeschäft, links verdeckt gekräuselter Store die Hinterwelten, das Rautenmal in der Mitte - ein Blick auf grellweiße Kacheln wird später zum Blutzeichen, zum Signal des Mordes. Und Blut wird fließen, das wissen wir von Anfang an.

Medea Medea beginnt wie ein Märchenspiel, wird Lehrstück hochgetriebener Affekte und müder Resignation, bringt nebenbei Dialoge, Sprachfetzen und Monologe, benutzt für die Formeln des Geschlechterkampfs Textteile des Euripides und endet mit einem Gute-Nacht-Gebet der Schicksalsergebenheit. Dazwischen, hinter der Bühne, geschieht der Mord der Mutter an den beiden Söhnen, und er bleibt unbegriffen. Das große Grauen bricht ein in die ganz alltäglichen Schrecknisse einer Ehe, Blut klebt an den Händen von Mann und Frau, doch weder Klara Höfels von Hysterie geschüttelte, in ratlosem Kummer und Furor ausgestellte Medea, noch die Anleihen bei Euripides führen über Ratlosigkeit hinaus:

Gad Elkarim/Lorin wollen nicht erklären, sie wollen zur Schau stellen, sie nennen ihren Text ein „bürgerliches Trauerspiel“, glauben an Mitleid durch Rührung, an Einfühlung auch in Unbegreifliches. Und dies gelingt, wo Körper oder Sprache in knappen Szenen unmittelbarer Ausdruck der Emotionen sind. Es mißlingt und bleibt zu wenig, wo die Dramaturgie in einer zuweilen verblüffenden Spannung der Affekte, aber auch immer gleichen Auf und Ab der Gebärden Bild an Bild, Satz an Satz reiht, ohne die Figuren Jason und Medea näher zu konturieren. Übersteigerte Momentaufnahmen beinahe ohne Woher und Wohin münden plötzlich in den Mord.

Diese Mitte des Stücks allerdings erreicht größte Intensität gerade dadurch, daß sie nicht gemimt wird, sondern gedacht werden muß. Sichtbar ist lediglich der Schutzengel der Kinder (Hannes Seebauer) wie er sich mit einem Ruck eine erdfarbene Plastiktüte um den Kopf zurrt, nach Luft ringt. Melancholischer Zuschauer war er und wird er wieder, für den Moment ist er stellvertretend mitleidend.

Kann sein, daß es dieses Mitleid ist, wozu Gad Elkarim/Lorin auch uns andere bringen wollen, und was ihnen mal hier, mal da auch gelingt. Drei Akte lang ist es zu wenig. Schließen wir den blutroten Theatervorhang, zurren wir ihn fest, melancholisch geworden.

Bernadette Ott

taz lesen kann jede:r

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 40.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen