■ „Größte Mafia Südkoreas“ ruft sich in Erinnerung

Skandal zum günstigsten Zeitpunkt

Seoul (taz) — Der „ideologischen Verschmutzung der Gesellschaft“ müsse endgültig ein Riegel vorgeschoben werden, schloß ein Sprecher des südkoreanischen Geheimdienstes am Dienstag eine Pressekonferenz über den bislang angeblich größten Spionagefall in dem ostasiatischen Land. Die mächtige Seouler Behörde, vor einigen Wochen wegen Wahlbetrugs und Einmischug in die Politik noch in die Schußlinie der Politik geraten, präsentierte wieder einmal ihre Unerläßlichkeit — zum zeitlich günstigsten Augenblick. Das kommunistische Nordkorea hätte mit dem Ziel, die geteilte Halbinsel bis 1995 unter kommunistischer Vorherrschaft wiederzuvereinigen, eine regionale Untergruppe der kommunistischen Arbeiterpartei in Südkorea gegründet. Von dort aus würden Spionageaktivitäten, angeordnet von Pjöngjang, zentral koordiniert. Die 70jährige Li Son Sil, eine Topagentin Nordkoreas, soll die Hauptfigur bei den Operationen gegen Südkorea gewesen sein. Zehn Jahre lang, von 1980 bis 1990, soll die Spionin, ein rotierendes Mitglied im Politbüro, im Süden unter falschem Namen gelebt und den Agentenring systematisch aufgebaut haben. Rekrutiert hätte sie unter anderem führende Mitglieder der inzwischen aufgelösten Minjung-Partei (Massen-Partei). Insgesamt 95 von 400 verdächtigen Personen, so das Amt für Nationale Sicherheitsplanung (NSP), wie der Geheimdienst offiziell heißt, wurden bislang im Zusammenhang mit dem Spionagefall verhaftet, darunter auch ein Sekretär des Oppositionsführers Kim Dae Jung. Nach NSP-Angaben hätten die Spione politische und kulturelle Organisationen unterwandert und Arbeitskonflikte angestachelt. Und diese Agenten seien es auch gewesen, die hinter den Forderungen nach Freilassung von politischen Gefangenen und der Denuklearisierung und Abrüstung Südkoreas standen.

Kim Dae Jung forderte am Dienstag, die regierende Demokratisch-Liberale Partei (DLP) müsse wegen der Weitergabe von militärischen Geheimnissen durch seinen Sekretär seine eigene Verwicklung in den Fall erklären. Genau wie die DLP verlangte auch die Oppositionspartei eine Entschuldigung vom kommunistischen Nordkorea. Unklar ist jedoch, was wirklich an der Geschichte über den größten Agentenring in Südkorea dran ist. Für den Geheimdienst, von einigen Dissidenten auch als die größte Mafia Südkoreas bezeichnet, konnte der Skandal jedenfalls zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen. Erst vor einigen Tagen hatten sich Regierungs- und Oppositionspartei darauf verständigt, die Rechte der Behörde zu beschneiden. Und der Geheimdienst hatte gelobt, sich in Zukunft neutral zu verhalten und nicht mehr in die Politik einzumischen.

Angesichts der Aufdeckung des Spionagerings scheint sich die Stimmung im Lande nun zu drehen. Warnungen an die Regierung werden laut, den Dialog mit Nordkorea zurückzuschrauben. Falken aus Politik und Militär stärken den Staatsschützern den Rücken. Das Sicherheitsbewußtsein der Bevölkerung sei im Laufe der Demokratisierung lax geworden, blies die konservative Korea Times ins gleiche Horn. In dieser Situation scheint dem Geheimdienst jedes Mittel recht. Verdächtige würden entführt und tagelang vernommen, ohne dem Haftrichter vorgeführt zu werden, kritisiert der Nationale Kirchenrat Koreas. Familienangehörige von Festgenommenen berichten, daß sie von Staatsschützern in Zivil mehrere Tage in Seouler Hotels festgehalten worden seien. In deren Wohnungen wurde man dann prompt fündig: Der Geheimdienst fand hohe Geldbeträge, angeblich aus Nordkorea. Peter Lessmann