■ Amerikas Schwulen-Debatte in der nächsten Phase

„Gott sei Dank für Aids“

Atlanta (taz) – Erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten hat die Regierung eines US- amerikanischen Landkreises (County) Homosexualität pauschal verurteilt und damit eine neue Phase in der nationalen Debatte über Homosexualität eingeläutet: „Die Lebensweise der Schwulen ist unvereinbar mit den Wertmaßstäben unserer Gemeinschaft“, heißt es in einer Resolution, die das „Board of Commissioners“ von Cobb County in Georgia mit vier gegen eine Stimme verabschiedet hat. Vor dem Regierungsgebäude des 450.000 Einwohner zählenden Landkreises hatten sich mehrere Kirchengruppen versammelt. „Gott sei Dank für Aids“ und „Unterstützt die Werte der Gemeinschaft“ stand auf ihren Plakaten.

Mehrere US-Kommunen haben in der Vergangenheit bereits Verordnungen und Gesetze erlassen, die politischen Schwulen-Initiativen das Leben erschweren sollen. Mit der Resolution von Cobb County hat ein gewähltes Exekutivgremium jedoch zum ersten Mal in der Geschichte der USA Homosexualität grundsätzlich und unabhängig von juristischen Einzelfragen als „unvereinbar mit den Normen unserer Wertegemeinschaft“ verdammt und damit einen Präzendenzfall geschaffen.

Der rechtlich unverbindlichen Resolution vom 10. August folgte vergangenen Dienstag eine Verordnung, wonach kulturelle Einrichtungen von der Kommune grundsätzlich nicht mehr subventioniert werden. Die für 1994 bereits budgetierten Gelder sollen nun in Hunde und Dienstfahrzeuge für die Polizei investiert werden. Commissioner Gordon Wysong, Hauptinitiator der Resolution, verwies gegenüber der taz auf die nationale Diskussion über schwule Soldaten in der US-Armee: „Präsident Clinton benutzt die Armee als eine soziale Einrichtung anstatt zur nationalen Verteidigung. Mit unserer Resolution will ich auch Senator Sam Nunn unterstützen.“ Georgias Senator Nunn, als Demokrat in derselben Partei wie Bill Clinton, hatte den Präsidenten in der Schwulen- Debatte heftig kritisiert.

Mit der Resolution und seinem Steuerverdikt versucht sich der konservative Landkreis außerdem von dem nur 30 Kilometer südöstlich gelegenen Atlanta zu distanzieren: In einer festen Partnerschaft lebende schwule Angestellte im öffentlichen Dienst genießen in Georgias Hauptstadt seit kurzem ähnliche Privilegien wie ihre verheirateten Kollegen. Georgias demokratischer Gouverneur Zell Miller hat Atlanta zudem als Austragungsort für die „Gay Games“, einer Art Schwulen-Olympiade, im Jahr 1998 vorgeschlagen. 1996 finden in Atlanta die Olympischen Sommerspiele statt.

Mit dem Schwulen-Verdikt von Cobb County wehren sich die konservative Kräfte auf lokaler Ebene gegen die national immer mehr an liberaler Unterstützung gewinnende Schwulen- und Lesbenbewegung. Die Schwulen-Debatte in den USA stehe inzwischen für eine „tiefe kulturelle Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft“, schrieb die New York Times in der vergangenen Woche.

Jon Greaves, Schwulen-Aktivist mit Wohnsitz in Cobb County, hofft, daß die Debatte die bisher eher verborgen lebenden Schwulen und Lesben des Landkreises aufrüttelt. Mit einem schwul-lesbischen „Familienpicknick“ mit tausend Teilnehmern am vergangenen Sonntag im Zentrum von Marietta haben die Schwulen und Lesben von Cobb County inzwischen ihre Protestaktionen gestartet. „Je mehr über uns gesprochen wird, desto besser sind unsere Chancen, akzeptiert zu werden“, erklärte Jon Greaves gegenüber der taz – „auch wenn wir diese eine Schlacht verlieren sollten – den Krieg werden wir letztendlich gewinnen.“ Marc Fest