Ökokulturelle Erschütterungen (I)

Karl, der Käfer

Der berüchtigte Ökosong der Band „Gänsehaut“ wird heute sogar in der Schule gelehrt. Gut so oder fatal?

Dieter Roesberg (r.) war Gitarrist der Band und Komponist des Songs. Screenshot: youtube/fritz51248

Karl, der Käfer, die Älteren wissen es, wurde nicht gefragt. Man hat ihn einfach fortgejagt. Früher juckte das keinen, aber nun gab es ja die Grünen, und im April 1983 stand „Karl, der Käfer“ auf Platz 23 der deutschen Charts, war kurz darauf sogar in Dieter Thomas Hecks ZDF-Hitparade und am Jahresende in der Superhitparade.

Einerseits hat der Song, als die kulturellen Zeichen trotz Petra Kelly auf Da Da Da und Ich will Spaß standen, ein eklatantes Umweltproblem in die Öffentlichkeit gebracht, nämlich die Umwandlung von Naturfläche in Asphalt. Andererseits hatten Text („Eine Blume, die noch am Wegesrand steht/wird einfach zugeteert“) und Musik einen derartig abturnenden Ökopredigtsound, dass popkulturell Versierte das Bedürfnis verspürten, schreiend davonzulaufen. Der Bandname Gänsehaut war keine leere Drohung.

Dieter Roesberg, 61, war Gitarrist der Band und Komponist des Songs. Auf alten Videos sieht man ihn mit einem sehr gelben Pullover und überschaubaren Kopfhaaren. Heute ist er Chefredakteur des Musikerfachmagazins Gitarre & Bass. „Wir haben nicht gezielt einen Hit geschrieben, sondern das Glück gehabt, den Zeitgeschmack zu treffen“, sagt er. Außerdem kauften das alle, die Karl hießen oder einen Karl kannten.

Die zeozwei-Serie untersucht Kulturprodukte oder Ereignisse, die den Ökogedanken verbreitet haben, aber die Menschheit dabei leider eher abgeschreckt.

Roesberg und der Keyboarder, Mitkomponist und Texter Gerald Dellmann waren vorher fast ein Jahrzehnt mit der respektablen Kölner Krautrockband Satin Whale unterwegs gewesen. Bis es nicht mehr weiter ging. Sie wurden Musikjournalisten und werkelten parallel an einem neuen Ding. „Aus dem Alter für Liebeslieder waren wir raus“, sagt Roesberg. Sie kamen auf deutschsprachige Songs über Tiere und deren Probleme. Ihr absoluter Favorit war „Schmetterlinge gibt’s nicht mehr“, aber die Plattenfirma sagte: Nö, wir sehen als Single nicht den Schmetterling, sondern den Käfer.

In den SWR-1-Jahrescharts

150.000 Singles wurden verkauft, bis heute ist Karl, der Käfer, auf etwa zwei Millionen Tonträgern vertreten. Seit dem Protest gegen „Stuttgart 21“ und das Fortjagen des Juchtenkäfers (Josef?) im Stuttgarter Schlossgarten landet der Song regelmäßig auf einem respektablen Platz in den SWR-1-Jahrescharts.

Ein Öko ist Roesberg im Übrigen nicht und zur linksalternativen Szene der 70er und 80er gehörte er nie. Von den Grünen wurden Gänsehaut auch niemals eingeladen. Nur vom Tierschutzverein. Das zweite Album war aber ohne Tiersongs und lief nicht mehr. Dann starb der Sänger, und das war es dann mit Gänsehaut.

Karl, der Käfer, aber ist sogar in Lehrbüchern drin und wird unseren Kindern in der Schule beigebracht. „Kinder haben das Lied sofort verstanden“, sagt Roesberg. Er musste schon früher immer in der Schule seines Sohnes antanzen und auf der Gitarre kundtun von der Rücksichtslosigkeit der Spezies Mensch und ihrem Fetisch Automobil: „Wo Karl einmal zuhause war/fahren jetzt Käfer aus Blech und Stahl.“ Kommentar auf youtube: „Geil!!! Mehr muss man nicht sagen.“

Autor: Peter Unfried. Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe zeo2 2/2015. Den Artikel können Sie gerne auf unserer Facebook-Seite diskutieren.