■ Das Portrait

Kim Jong Il

Er ist der zweite Mann im Staate, befehligt eine der größten Armeen der Welt – und war doch nie Soldat. Kim Jong Il, Sohn und designierter Nachfolger des fast 82jährigen nordkoreanischen Präsidenten Kim Il Sung, gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten unter den verbliebenen kommunistischen Staatsmännern. Im Westen verschrien als Playboy mit Vorlieben für schnelle Autos und schöne Frauen, läßt er sich zu Hause als „geliebter Führer“ verehren.

Am Fuße des heiligen Berges Paektusan soll Kim Jong Il am 16. Februar 1942 das Licht der Welt erblickt haben – just dort, wo nach einem alten Mythos einst der Sandelfürst Tangun das Reich Chosun (Korea) gegründet hatte. Erfahrungen in der Staatsdiplomatie hat Kim Jong Il nicht. Ihm fehlt das Charisma seines Vaters, und böse Zungen sagen ihm einen Minderwertigkeitskomplex nach – wegen seiner zu kurz geratenen Körpergröße soll er Schuhe mit Absätzen tragen. Doch außer Spekulationen und Legenden ist so gut wie nichts über ihn bekannt. Nur eines scheint sicher: Stirbt der Vater, dann muß der Junior ran. Doch welche politischen Kräfte ihn stützen und für welche Linie er steht, darüber mag kein Nordkoreaexperte eine sichere Aussage treffen. Politisches Abenteurertum befürchten die einen – soll es doch Kim Jong Il gewesen sein, der 1983 in Rangun die halbe Regierungsmannschaft Südkoreas in die Luft sprengen ließ und vier Jahre später das Bombenattentat auf eine südkoreanische Passagiermaschine befehligte. Oder steht er vielleicht doch für einen moderaten Kurs, den chinesischen Nordkoreas Nummer zweiFoto: rtr

Weg der Öffnung und die langsame Aussöhnung mit dem kapitalistischen Bruderstaat im Süden, wie andere glauben? – Der Aufstieg Kims – dem südkoreanische Gerüchte immer wieder einen schweren Unfall oder eine ernsthafte Krankheit andichten – in die Spitze der Parteihierarchie Nordkoreas begann in den 70er Jahren. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaft arbeitete er zunächst als Privatsekretär seines Vaters. Das Wort „Erbfolge“ als „reaktionäre Praxis ausbeuterischer Systeme“ verschwand aus nordkoreanischen Lexika. In den 80ern stieg Kim Jong Il ins Präsidium des Politbüros auf und gehört seitdem neben seinem Vater und Verteidigungsminister O Jin U zu den mächtigsten Politikern Nordkoreas. Peter Lessmann