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■ Anrufbeantworter als VisitenkartenCharmant und seltsam

Anrufbeantworter dienen längst nicht mehr nur dazu, wichtige Nachrichten aufzuzeichnen, wenn man gerade mal nicht da ist, oder sich denen zu verweigern, mit denen man keine Lust hat zu sprechen; sie sind auch Visitenkarten, die als kleine Foren der Selbstdarstellung in entfremdeter Welt gerne benutzt werden. Die meisten Anrufbeantworteransagensichausdenker bemühen sich ganz allgemein, witzig zu sein. Manche reimen, wie der ORB-Redakteur Salli Sahlmann: „Salli Sahlmann ist mein Name / ich bin ein Herr und keine Dame“ (es sei nur eine Wette gewesen, sagte er später); andre tun so, als seien sie „das deutsche Froschinstitut, wir befinden uns gerade auf einer Krötenwanderung...“, „die katholische Pferdewaschanstalt“, Ernst Jünger oder sonst was Lustiges. Manche versuchen den Anrufer mit ihren Lieblingsmusiken anzusprechen („Hallo, wie geht's“ von Plan B zum Beispiel); der Radio- und Fernsehtalker Jürgen Kuttner, der sich neulich die Haare abschnitt, stottert öffentlichkeitsbewußt vor offensiver Rockmusik: „Hier ist Jürgen K-K-K-Kuttner.“

Wieder andere lassen ihren Anrufbeantworter ellenlange Märchen erzählen, die man sich stundenlang anhören muß, will man dem Anrufbeantworterbesitzer irgendwas erzählen (auch eine Art der Auslese).

Manche richten sich nach der Jahreszeit, wie der kauzige Altachtundsechziger F., der sich fast jede Woche mit anderen Witzigkeiten meldet. Zum 1. Mai gibt's dann die „Internationale“, Polizeisirenen und Demoaufrufe. Manche Anrufbeantwortertexte sind auch ganz direkt an bestimmte Personen gerichtet. Um die, die's betrifft, zu ärgern und zu verwirren. Einmal hatte F. zum Beispiel wochenlang auf seinem Anrufbeantworter eine Nachricht der Mutter seiner Ex-Freundin plaziert. 30 Sekunden lang warnte die leicht hysterische Mutter ihre Tochter vor drohenden Blasenerkrankungen und erzählte, leicht kabarettistisch, wie viele Mütter, von den Seltsamkeiten, die ihr grad erst passiert seien. Die Ex-Freundin war ziemlich schockiert, zumal sie keine Ahnung hatte, wie F. an den – tatsächlich recht komischen – Text gekommen war, den ihr ihre Mutter irgendwann mal aufs Band gesprochen hatte.

Manche Ansagen imponieren durch Zwei- oder Dreisprachigkeit oder kleine Sprachen (Schwedisch ist besonders klasse); manche versuchen auch geglückte Zwei- oder Dreisamkeiten zu dokumentieren. Dann sagt ein Kleinkind irgendwelche „süßen“ Dinge, oder eine Frau meldet sich unter dem Namen ihres Freundes auf dessen Anrufbeantworter, um allen Liebesinteressierten zu signalisieren, daß ihr Freund längst vergriffen ist und daß man sehr glücklich ist zu zweien.

Manchmal sprechen auch sogenannte „Freunde“ in unbeobachteten Momenten komische Texte auf den eigenen Anrufbeantworter. Als ich neulich mit der jungen Philosophiestudentin K. sprechen wollte, war da nur eine seltsame Männerstimme, die sagte: „Hallo. Hier ist K. Ich bin gerade nicht zu Hause, sondern in der Pubertät. Ich wünsche euch alles Gute.“ Das war durchaus charmant und seltsam und gefiel für ein paar Tage dann auch K., die sich zunächst geärgert hatte.

Immer beliebter werden auch Anrufbeantworter, auf denen der Anrufbeantworterbesitzer gar nix sagt, sondern mit mal trauriger, mal fröhlicher Musik seine augenblickliche Stimmung der Welt mitteilt. Am besten fand ich jedoch die Ansage auf dem Anrufbeantworter einer Freundin, die sie aus dem Fernsehen aufgenommen hatte: „Hallo. Hier ist Detektiv Rockford. Anruf genügt.“ Detlef Kuhlbrodt

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