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Das Kinn des Leitwolfs Von Barbara Dribbusch

Im stillen hatte ich durchaus geglaubt, mein Großonkel Karl habe nicht ganz unrecht mit seinen Hauptthesen über Wirtschaft & Gesellschaft: daß nämlich erstens die Wirtschaft eine höchst rationale Angelegenheit sei. Und daß sich zweitens Frauen in der Welt der Wirtschaft nicht wohl fühlen würden, weil ihre Seele nach Romantischem giere. Ich absolvierte also mein spaßiges Literaturstudium, ein „feingeistiges Frauenfach“ (Onkel Karl), wo ich mich mit allerlei Nichtigkeiten wie Systemtheorie und Dekonstruktivismus beschäftigte. Wäre mir doch Friedrich C. früher über den Weg gelaufen! C. ist mein einziger Bekannter aus Düsseldorf, Finanzberater und Geschäftsführer. Ich lernte ihn bei Karottencremesuppe im „Bordtreff“ des ICE kurz hinter Frankfurt/M. kennen, wo er mich alsbald stark beeindruckte: Er sei unlängst in einem Management-Magazin porträtiert worden. Story: „Weitblick im Kurzzeit-Invest“ – sogar mit Foto!

„Haben Sie denn auch nett gelächelt?“ offenbarte ich meine Unkenntnis über die Welt des unsichtbaren Geldes. „Niemals lächeln, hat mich der Fotograf angewiesen. Nein, ich bin von unten aufgenommen worden, das Kinn vorgereckt, den Fuß auf eine überdimensionale Sanduhr gestemmt, um den Sieg über die Zeit bildhaft darzustellen.“ Da mußte selbst C.s fliehendes Kinn mächtig ins Bild geragt haben! Und dann die Tatze auf dem bezwungenen Objekt! „Sie Leitwolf“, flüsterte ich.

Das ermunterte C., sich während der Seezunge noch mehr zu offenbaren. Mich interessierte vor allem, wie denn BewerberInnen auserwählt werden im harten Geldgeschäft, war ich doch nur in einem unterbezahlten Job gelandet. „Das wichtigste: die Chemie muß stimmen“, weihte mich C. in die Personalentwicklung ein. Er langweilte mich gar nicht erst mit Details über fachliche Qualifikationen. „Der eine Bewerber neulich sprach zu langsam. Solche Leute denken auch langsam, das bringt nichts. Bei dem andern sah man schon, daß er bei uns nur die Familie suchte: karierte Socken und ein Foto der Liebsten im Timeplaner. Zwecklos. Wir sind eine effiziente Firma.“ Der dritte hatte unpassenden Körpergeruch (Chemie!!!). Leider gäbe es kaum geeignete Bewerber, klagte C. Davon hatte ich auch mal gehört.

Beim Dessert schließlich – wir waren etwas aufgetaut, im Gegensatz zu den Teigknödeln mit Zwetschgenmus – fiel mir eins von C.s bunten Wirtschaftsmagazinen ins Auge, die durch umfangreiche Anlagetips einen sachlichen Anstrich bekommen: „Renditeperlen“, „Kursgewinne für Mark-Anleihen“ und „Fonds mit Netz“.

„Wieso braucht ein Mensch eigentlich wöchentliche Investmenttips?“ wagte ich zu fragen, als der ICE in den Düsseldorfer Bahnhof hineinzischte. C. lächelte mich nur überlegen an und gab mir eine letzte Antwort, bevor er zusammenpackte und verschwand: „Das ist wie mit diesen Magazinen für Einrichtung und Innenarchitektur. Die Leute haben längst gekauft – und wollen trotzdem wissen, ob sie es nicht doch noch hätten schicker haben können.“ Die Wirtschaftsmagazine als Schöner Wohnen für den Mann: auf die Idee, so dachte ich, hätte ich früher kommen können. Ganz logisch, ganz rational. So wie die Welt der Finanzen eben ist, hat Großonkel Karl ja auch immer gesagt.

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