2010 fallen die EU-Subventionen für den Tabak-Anbau weg. Springt nun die Industrie ein? Die deutschen Tabakpflanzer bangen um ihre Existenz.von Anna Corves
Der Kollaps des deutschen Tabakanbaus hat mit Geopolitik zu tun, mit fluktuierenden Märkten für natürliche Ressourcen, in denen Moral keine Rolle spielt. Die – sogar als Textbox hervorgehobene – Klage von Jörg Bähr, Deutschlands oberstem Tabakpflanzerlobbyisten („die Industrie müsste einen höheren Kilopreis zahlen“) ist daher peinlich. Anna Corves benennt führende Zigarettenhersteller (BAT, PM, IT, JT), aber nicht die global marodierenden US-Rohtabakmultis Universal Corporation und Alliance One International und das längst international positionierte chinesische Staatsmonopol, insgesamt ein global konsolidiertes Tabakoligopol. Die Konzerne setzen sourcing-Strategien ein, um in den Ländern des globalen Südens, wo heute mehr als 90% der Tabakflächen liegen, profitable low cost supply chain conditions aufrechtzuerhalten. Institutionell sind das Knebelverträge mit Bauern (contract farming), arbeitsmäßig die Ausbeutung von Kindern und ökologisch die quasi-freie Verfügbarkeit von Holz aus Naturwäldern für Verbrennungsöfen zum Auftrocknen von Virginiatabak. Nur die LINKE hat bei der letzten Tabakanhörung im Bundestag diesen politökologischen Zusammenhang hergestellt. Alle anderen Parteien nehmen entweder Gelder der Tabakindustrie oder verschieben strategisches Personal an die Nikotinlobby, oder tun beides (GRÜNEN-Büro Kuhn). Statt wach, intelligent und vor allem frühzeitig Ökonischen im Anbau von lokalem, naturreinen Tabak und die Herstellung regionaler, ökologisierter Rauchwaren (Roth-Händle, Reval) zu forcieren, sind Pflanzerlobby und regionale Erzeugergemeinschaften, unbedrängt (von qualmenden, linken Umweltaktivisten) und unaufgefordert, ins Bett der Multis gekrochen. Jetzt ächzen sie unter den tödlichen Umarmumgen des Tabakgrosskapitals. BAT und Alliance, zum Beispiel, kaufen heute Tabak massiv nicht nur in Lilongwe, Malawi, sondern auch in Karlsruhe, Deutschland – zu ihren Preisen, und nicht denen der Badischen Tabakmanufaktur. Eine Chance für die German Blend Version von American Spirit ist dahin, und nicht weiter schlimm: denn auch der Konsum von Ökotabakwaren tötet – wohl gemerkt: if used as intended – jede(n) zweite(n) Raucher(in). Natürlich sind Erdbeeren oder Spargel, anders als im Artikel dargestellt, eine Alternative, ebenso wie jede andere Anbaufrucht oder jeder andere, nicht-agrare Job. Das Untergangsszenario – alles „so schön aufgebaut“ (Bauer Molzahn), „die wenigsten“ schaffen es (Autorin Corves) –trieft vor wehleidiger, agro-ruraler Sozialromantik. Studien zeigen, dass 5-10% der bisher pervers subventionierten und damit immens privilegierten (wenigen hundert) Tabakpflanzer sofort erfolgreich umstellen können, weitere 5-10% jederzeit weitermachen können (und Nikotin an Pharmakonzerne und/oder ins Ausland verkaufen), 10-30% altersbedingt den Betrieb einstellen, und mehr als 50% sicher sind, dass ohnehin kein Betriebsnachfolger existiert, vor allem nicht unter den eigenen Kindern. Deutschlandweit braucht man also Umstellungshilfen – „Abwrackprämien“? – für etwa 200 Familien in etwa einem Dutzend Tabakgemarkungen der Uckermark und im Großraum Karlsruhe (einfach Merkel fragen).
10.09.2009 13:33 Uhr
von Andreas H.:
Subventionen um aussterbene Landwirtschafts- oder Wirtschaftszweige im Allgemeinen künstlich am Leben zu erhalten empfinde ich als eine Art schlechten Scherz und Geldverschwendung. Ich denke hier z.B. an die ganzen Peitschenhersteller oder Autohersteller, die es nicht mehr gibt. Subventionen sollten zur gezahlt werden um neuen Zweigen den Einstieg in die Wirtschaft zu ermöglichen.
Die Tabakbauern in ihr Verderben rennen zu lassen geht aber auch nicht.
Anstelle jahrezehntelang den Anbau zu subventionieren hätte man vielleicht lieber Hilfsfonds einrichten sollen um den Tabakbauern den Umstieg auf andere Bereiche zu ermöglichen. Damit der Großteil der Tabakbauern eine Zukunft in einem anderen Bereich findet und ein paar sehr wenige ihre Existenz erhalten können.
09.09.2009 21:42 Uhr
von Michael Mienert:
Auf dem Bild ist wohl eher eine Pflanz- denn eine Erntemaschine zu erkennen, würde ich vermuten.
09.09.2009 21:12 Uhr
von Nicole Hirt:
naja, giftigkeit hin oder her, fakt ist, dass sicherlich nicht wenige millionen mit der TABAKSTEUER eingenommen werden, dann sollen sie halt die paar subventionen zahlen (schließlich wird noch für ganz andere sachen geld ausgegeben...)
09.09.2009 19:33 Uhr
von gereon:
besonders die im Artikel richtig beschriebenen "mannshohen Tabakpflanzen" sind auf diesem Bild mit der "Erntemaschine" sehr schön zu sehen...
Ne, echt jetz.... warum merkt das keine/r in der Redaktion.
beste Grüße, Gereon
09.09.2009 19:26 Uhr
von Nichtraucher:
"Die deutschen Tabakpflanzer bangen um ihre Existenz." Das darf doch nicht wahr sein: Da weiß die ganze Welt seit Jahr- zehnten, dass der Tabakkonum zurück geht und die Zahl der Nichtraucher ständig zunimmt. Nur die deutschen Tabakpflanzer scheinen das nicht mitbekommen zu haben. Da fehlt mir jedes Verständnis, und Mitleid darf man von mir jetzt auch nicht erwarten.
Leserkommentare
11.09.2009 11:01 Uhr
von Helmut Geist, Aberdeen, UK:
Der Kollaps des deutschen Tabakanbaus hat mit Geopolitik zu tun, mit fluktuierenden Märkten für natürliche Ressourcen, in denen Moral keine Rolle spielt. Die – sogar als Textbox hervorgehobene – Klage von Jörg Bähr, Deutschlands oberstem Tabakpflanzerlobbyisten („die Industrie müsste einen höheren Kilopreis zahlen“) ist daher peinlich. Anna Corves benennt führende Zigarettenhersteller (BAT, PM, IT, JT), aber nicht die global marodierenden US-Rohtabakmultis Universal Corporation und Alliance One International und das längst international positionierte chinesische Staatsmonopol, insgesamt ein global konsolidiertes Tabakoligopol. Die Konzerne setzen sourcing-Strategien ein, um in den Ländern des globalen Südens, wo heute mehr als 90% der Tabakflächen liegen, profitable low cost supply chain conditions aufrechtzuerhalten. Institutionell sind das Knebelverträge mit Bauern (contract farming), arbeitsmäßig die Ausbeutung von Kindern und ökologisch die quasi-freie Verfügbarkeit von Holz aus Naturwäldern für Verbrennungsöfen zum Auftrocknen von Virginiatabak. Nur die LINKE hat bei der letzten Tabakanhörung im Bundestag diesen politökologischen Zusammenhang hergestellt. Alle anderen Parteien nehmen entweder Gelder der Tabakindustrie oder verschieben strategisches Personal an die Nikotinlobby, oder tun beides (GRÜNEN-Büro Kuhn). Statt wach, intelligent und vor allem frühzeitig Ökonischen im Anbau von lokalem, naturreinen Tabak und die Herstellung regionaler, ökologisierter Rauchwaren (Roth-Händle, Reval) zu forcieren, sind Pflanzerlobby und regionale Erzeugergemeinschaften, unbedrängt (von qualmenden, linken Umweltaktivisten) und unaufgefordert, ins Bett der Multis gekrochen. Jetzt ächzen sie unter den tödlichen Umarmumgen des Tabakgrosskapitals. BAT und Alliance, zum Beispiel, kaufen heute Tabak massiv nicht nur in Lilongwe, Malawi, sondern auch in Karlsruhe, Deutschland – zu ihren Preisen, und nicht denen der Badischen Tabakmanufaktur. Eine Chance für die German Blend Version von American Spirit ist dahin, und nicht weiter schlimm: denn auch der Konsum von Ökotabakwaren tötet – wohl gemerkt: if used as intended – jede(n) zweite(n) Raucher(in). Natürlich sind Erdbeeren oder Spargel, anders als im Artikel dargestellt, eine Alternative, ebenso wie jede andere Anbaufrucht oder jeder andere, nicht-agrare Job. Das Untergangsszenario – alles „so schön aufgebaut“ (Bauer Molzahn), „die wenigsten“ schaffen es (Autorin Corves) –trieft vor wehleidiger, agro-ruraler Sozialromantik. Studien zeigen, dass 5-10% der bisher pervers subventionierten und damit immens privilegierten (wenigen hundert) Tabakpflanzer sofort erfolgreich umstellen können, weitere 5-10% jederzeit weitermachen können (und Nikotin an Pharmakonzerne und/oder ins Ausland verkaufen), 10-30% altersbedingt den Betrieb einstellen, und mehr als 50% sicher sind, dass ohnehin kein Betriebsnachfolger existiert, vor allem nicht unter den eigenen Kindern. Deutschlandweit braucht man also Umstellungshilfen – „Abwrackprämien“? – für etwa 200 Familien in etwa einem Dutzend Tabakgemarkungen der Uckermark und im Großraum Karlsruhe (einfach Merkel fragen).
10.09.2009 13:33 Uhr
von Andreas H.:
Subventionen um aussterbene Landwirtschafts- oder Wirtschaftszweige im Allgemeinen künstlich am Leben zu erhalten empfinde ich als eine Art schlechten Scherz und Geldverschwendung. Ich denke hier z.B. an die ganzen Peitschenhersteller oder Autohersteller, die es nicht mehr gibt.
Subventionen sollten zur gezahlt werden um neuen Zweigen den Einstieg in die Wirtschaft zu ermöglichen.
Die Tabakbauern in ihr Verderben rennen zu lassen geht aber auch nicht.
Anstelle jahrezehntelang den Anbau zu subventionieren hätte man vielleicht lieber Hilfsfonds einrichten sollen um den Tabakbauern den Umstieg auf andere Bereiche zu ermöglichen. Damit der Großteil der Tabakbauern eine Zukunft in einem anderen Bereich findet und ein paar sehr wenige ihre Existenz erhalten können.
09.09.2009 21:42 Uhr
von Michael Mienert:
Auf dem Bild ist wohl eher eine Pflanz- denn eine Erntemaschine zu erkennen, würde ich vermuten.
09.09.2009 21:12 Uhr
von Nicole Hirt:
naja, giftigkeit hin oder her, fakt ist, dass sicherlich nicht wenige millionen mit der TABAKSTEUER eingenommen werden, dann sollen sie halt die paar subventionen zahlen (schließlich wird noch für ganz andere sachen geld ausgegeben...)
09.09.2009 19:33 Uhr
von gereon:
besonders die im Artikel richtig beschriebenen "mannshohen Tabakpflanzen" sind auf diesem Bild mit der "Erntemaschine" sehr schön zu sehen...
Ne, echt jetz.... warum merkt das keine/r in der Redaktion.
beste Grüße,
Gereon
09.09.2009 19:26 Uhr
von Nichtraucher:
"Die deutschen Tabakpflanzer bangen
um ihre Existenz."
Das darf doch nicht wahr sein:
Da weiß die ganze Welt seit Jahr-
zehnten, dass der Tabakkonum zurück
geht und die Zahl der Nichtraucher ständig zunimmt. Nur die deutschen Tabakpflanzer scheinen das nicht mitbekommen zu haben.
Da fehlt mir jedes Verständnis, und Mitleid darf man von mir jetzt auch nicht erwarten.