Max Schrems hat seine Daten von Facebook erstritten. Mittlerweile ist er weltberühmt. Der taz hat er seine Online-Akte gegeben, um ein Aufklärungsvideo daraus zu machen.von Johannes Gernert

So kann man sich das Freundesnetz von Max Schrems vorstellen. Bild: Michael Kreil
Mal eine kleine medienpädagogische Übung: Man nehme also ein Bild, beispielsweise eines von der deutschen Facebook-Sprecherin Tina Kulow. Auf ihrer Facebook-Seite sind Fotos von ihr zu sehen, sie lächelt, eine Hornbrille im Gesicht. Man kann ein Foto herunterladen, das geht bei Facebook immer, und dann kann man es in seine eigenen Fotoalben wieder hochladen, um zu sehen, ob Facebook das Gesicht erkennt. Wenn man kein "Freund" von Tina Kulow ist, wird Facebook ihr Gesicht nicht identifizieren. Man löscht das Bild vom eigenen Facebook-Profil, es war ja nur ein Test.
Ein paar Wochen später klickt man unter Kontoeinstellungen den Link "Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter". Man bekommt eine komprimierte Zip-Datei geschickt, die alle Fotos, E-Mails und Pinnwand-Einträge des eigenen Profils enthält. Man scrollt durch drei Jahre alte Mails. Und plötzlich schaut einen Tina Kulow an.
Das gelöschte Bild. Da ist es. Immer noch.
Und wenn man nicht schon vorher fasziniert, aber auch ein wenig verunsichert war, weil das so viel, viel, viel ist, was da irgendwo auf einem Server lagert, dann erschrickt man spätestens jetzt. Löschen geht also nicht. Sehr interessant.
Max Schrems, Jura-Student aus Wien, hat vor einigen Monaten etwas Ähnliches erfahren. Er hat sich nicht mit dem Archiv zufrieden gegeben, das vor allem die Daten zusammenstellt, die auch auf der eigenen Facebook-Seite zu sehen sind. Er wollte mehr wissen über das, was im Verborgenen lagert. Er hat deshalb so lange um seine Daten gebeten, bis er 1.222 PDF-Seiten geschickt bekam, auf einer CD. Und auch er musste feststellen: Sehr persönliche Mails, die er hatte löschen wollen, sind da immer noch gespeichert. Wenn man ein Foto hochlädt, merkt sich Facebook Kameratyp - und wenn möglich auch den Ort der Aufnahme. Es weiß, wann man sich eingeloggt hat, oft auch wo. Vieles aber, was Schrems sich noch erhofft hatte, schickte Facebook erst gar nicht. Welche biometrischen Daten besitzt das Netzwerk von ihm?
Schrems hat eine Initiative namens "Europe versus Facebook" gegründet, und er hat Beschwerden beim irischen Datenschutzbeauftragten eingereicht, weil Facebook dort seinen Europasitz hat. Seine PDF-Seiten hat Schrems geschwärzt auf der Seite seiner Initiative veröffentlicht.
Die ungeschwärzte Version hat er der sonntaz geschickt, und wir haben mit Kollegen von taz.de und Entwicklern von Open Data City ein Video daraus gemacht.

Die Grafiken im Detail: Das 1.222 Seiten-Dossier // Die Logins von Max // Wann liest und verschickt Max Nachrichten // Das Freundes-Netzwerk // Fotos aus Wien // Schlagworte aus Max' Nachrichten Bild: Michael Keil
Der Clip steht seit diesem Wochenende auf taz.de. Er macht deutlich, was sich aus diesen Daten alles lesen lässt. Es ist ein Versuch, die Dimensionen des Facebook-Speichers auszuleuchten. Es zeigt, wie sich die Wege eines Facebook-Mitglieds detailliert verfolgen lassen, wie sich daraus minutiös Tagesabläufe rekonstruieren lassen, wie viel das Netzwerk über Mail-Inhalte weiß und wie wenig es bereit ist zu vergessen. Ein Aufklärungsvideo, das illustriert, was Geheimdienste oder Werbeleute dort alles erfahren könnten. Beiden Seiten verschließt sich Facebook nicht.
Was die Politik tun kann, ist nur die eine Frage. Der irische Datenschutzbeauftragte hat in der vergangenen Woche ein "Audit" gestartet, er will sich von Facebook zeigen lassen, was es wie speichert, und so überprüfen, ob es europäische Standards einhält. Das Innenministerium erwägt Internetgesetze, preist aber auch die Selbstregulierung, die EU-Kommission erarbeitet Entwürfe. Als sich Facebook neulich wegen seiner Speichereien vor einem Ausschuss des Bundestags verantwortete, hat der Grüne Abgeordnete Konstantin von Notz ganz beiläufig erwähnt, auch so was wie ein Warnhinweis für Facebook sei ja durchaus mal bedenkenswert. Nur so ein Gedankenspiel. Achtung! Dieses Netzwerk speichert unter Umständen alles für immer!
Solange die Politik um Haltung und Lösungen ringt, sollten sich die, die bei Facebook angemeldet sind, den Warnhinweis vielleicht selbst denken. Das sind immerhin mehr als zwanzig Millionen Deutsche.

In der aktuellen sonntaz außerdem: Wie einer der größten Surfer der Welt unterging. Wie man eine Kneipe eröffnet. Und: Warum der türkische Pianist Fazil Say manchmal nur drei Worte am Tag sagt. Foto: taz
Es schadet nicht, wenn sie sich gelegentlich mal ein Archiv herunterladen. Und sehen, was da für spannende Dinge aus den vergangenen Jahren ruhen. Max Schrems arbeitet daran, das Bewusstsein dafür zu stärken. Mittlerweile ist er auch in den USA bekannt. Die Washington Post hat über ihn berichtet, australische Medien, seine Geschichte geht um die Welt. Auch wir wollen sie mit unserem Video weitererzählen.
Bis zum Jahresende, hat der irische Datenschutzbeauftragte angekündigt, werde es Ergebnisse des "Audits" geben. Facebook verspricht, seinen Usern dann in diesen Archiven mehr Daten zu geben, wenn sie wollen. Um klarzumachen, was es alles speichert. "Es sollen eher mehr als weniger Informationen bereitgestellt werden", sagt ein Sprecher. CDs, wie die von Schrems, verschickt das Netzwerk vorerst nicht mehr. Obwohl Tausende Nutzer darum gebeten hatten.
Die Grafiken im Detail: Das 1.222 Seiten-Dossier // Die Logins von Max // Wann liest und verschickt Max Nachrichten // Das Freundes-Netzwerk // Fotos aus Wien // Schlagworte aus Max' Nachrichten
Mehr spannende Geschichten aus dem Netz lesen Sie regelmäßig in der sonntaz, am Kiosk, am eKiosk oder im Wochenendabo. Außerdem: facebook.com/sonntaz
Facebook hat eine Statistik mit Liedern für Verliebte veröffentlicht. Die Liste ist so aussagekräftig wie die meisten Daten aus dem sozialen Netzwerk. von Daniél Kretschmar

Auf der Nachrichtenplattform Reddit schreiben Nutzer gemeinsam an einer Alternative zu Acta. Sie haben andere Prioritäten, doch ihre Formulierungen sind ähnlich schwammig. von Falk Lüke

Facebook sammelt riesige Datenmengen. Und will immer mehr von seinen Nutzern wissen. Datenschützer sind entsetzt. Denn niemand weiß, wie viel und was Facebook tatsächlich speichert.
Und Facebook dient keineswegs dem Nutzer. Denn nicht die Profilbesitzer sind die Kunden, sondern die Werbeindustrie. Zuckerberg will ein perfektes System für die Werbung schaffen. Eine Empfehlung von Freunden ist mehr Wert als jede Plakatanzeige, jeder Werbespot und jede Printreklame.
Die Reichweite von Facebook kann sich sehen lassen: Mehr als 800 Millionen Menschen aus aller Welt und mehr als 20 Millionen Deutsche nutzen die Social-Network-Plattform. Damit hält Zuckerbergs Firma bei jungen Menschen fast schon ein Monopol und verdrängte Konkurrenten wie "Studivz". Wer seine Kontakte und Freundschaften – vor allem international – pflegen will, ist gewissermaßen auf das soziale Netzwerk angewiesen.
Im Schwerpunkt "Datenkrake Facebook" sollen Artikel über den Kampf der User um ihre gespeicherten Daten bei Facebook zusammengefasst werden. Die taz dokumentiert dabei den österreichischen Jura-Studenten Maximilian Schrems, der bei Facebook nachhakte, Kampfgeist zeigte, nicht locker ließ und am Ende mit der Zusendung vieler Daten, die Facebook von ihm speicherte, quasi "belohnt " wurde.
Die Facebook-Grafiken im Detail:
Wann liest und verschickt Max Nachrichten
Schlagworte aus Max' Nachrichten
Schmuckbild: spacejunkie / photocase.com
Er singt, schüttelt Hände und kann bis zwei zählen. Joachim Gauck wird der Super-Präsi. Ganz bestimmt.

Von de Gaulle bis Mbeki - die schönsten Präsidentenrücktritte der Welt.

Das war's... Fast! Die Berlinale 2012 geht am Sonntag zu Ende. Und wieder waren alle da – die üblichen und die unüblichen Stars, nervige und ehemalige Polit-Prominenz, kreischende und buhende Fans, demonstrierende und andere Bären.

Egal ob in Ost-, West-, Südeuropa oder in Kaschmir – überall ist es kalt. Verdammt kalt. Für viele Menschen ist das dramatisch und sogar lebensgefährlich. Aber die Kälte bringt auch Schönes und Erfreuliches.


Leserkommentare
21.11.2011 08:13 | abby
Ihren Kommentar hier eingebenwenn ich bei fbi etwas Posten möchte ich auch das es gelesen wird ist doch klar.dieses umgehen ...
20.11.2011 22:53 | annonüüm
von Bürger: ...
10.11.2011 18:23 | Samuel
@dieter ...