Das Publikum so in den Film verwickeln, dass es das Geschehen riechen, schmecken und berühren kann: Brillante Mendoza im Gespräch zu "Captive" mit Isabelle Huppert.Interview: Cristina Nord

"Die ganze Idee einer Geiselnahme ist bereits so gewalttätig, dass man gar nicht viel Gewalt zeigen muss." Bild: berlinale
taz: Herr Mendoza, wann hatten Sie die Idee, diesen Film zu machen? 2001, nachdem die Abu-Sayyaf-Separatisten die Geiseln genommen hatten, oder später?
Brillante Mendoza: Später. Es war damals nicht die erste Geiselnahme - und bei weitem nicht die letzte. Ich bin seit einer Woche in Berlin, und kurz bevor ich abreiste, hatte sich wieder ein solcher Zwischenfall im Süden der Philippinen ereignet. Ich wusste, wenn ich einen solchen Film machen würde, dann wäre das eine große, teure Produktion, das heißt Neuland für mich. Und vielleicht wäre ich dafür noch nicht bereit. Also drehte ich erst einmal "Serbis", "Kinatay" und "Lola".
Und dann?
Dann begegnete ich Isabelle Huppert bei einem Filmfestival in São Paulo. Sie hatte die Philippinen vor langer Zeit einmal besucht, 20 Jahre war das her, und ich fragte sie, ob sie nicht noch einmal dorthin reisen wollte, und schlug ihr vor, einen Film zu machen.
Seit Ihrem Film "Kinatay" haben Sie den Ruf, vor radikalen Gewaltdarstellungen nicht zurückzuschrecken. Diesmal hatte ich den Eindruck, dass Sie sich eher zurückhalten.
Die ganze Idee einer Geiselnahme ist bereits so gewalttätig, dass man gar nicht viel Gewalt zeigen muss. Mir gings um etwas anderes: darum, die Menschlichkeit aller Beteiligten auszuloten.
kam 1960 in San Fernando auf den Philippinen zur Welt, studierte Werbedesign und begann seine Karriere als Production Designer bei Spielfilm-, Fernseh- und Werbeproduktionen. Sein Spielfilmdebüt "Masahista" gewann 2005 den Goldenen Leoparden in Locarno. 2008 zeigte Mendoza "Tirador" im Forum der Berlinale.
Trotzdem gibt es eine Menge Schießereien. Wie sind Sie an diese Sequenzen herangegangen?
Ich habe viel recherchiert, indem ich mit Mitgliedern von Abu Sayyaf, mit Angehörigen des Militärs und mit Überlebenden der Geiselnahme gesprochen habe. Und wenn man mit den ehemaligen Geiseln spricht, spürt man, wie deutlich ihnen das Erlebte noch immer vor Augen steht. Während sie erzählten, war es, als wäre das alles gestern erst geschehen, vielleicht wird sie das niemals loslassen. Mir ging es darum, das, was sie mir erzählten, so realistisch wie möglich wiederzugeben.
Die Schießereien sind so gefilmt, dass es dem Zuschauer schwerfällt, sich im Bild zu orientieren.
Ich möchte das Publikum in den Film verwickeln; es soll, während es zuschaut, nicht daran denken, dass es einen Film sieht, es soll nachfühlen, was auf der Leinwand vorgeht, das Geschehen beinahe riechen, schmecken und berühren. Kino ist für mich Leben, man bringt Leben auf die Leinwand und nimmt das Publikum mit, und das heißt: In einer solchen Szene weiß es nicht, was geschieht.
Wie haben Sie diese Szenen denn gedreht?
Ich sage den Darstellern, die Geiseln spielen, nicht, wo und wann die Spezialeffekte zum Einsatz kommen. Was tut eine Geisel, wenn sie im Dschungel einen Schuss hört? Sie weiß nicht, ob sie sich verstecken oder davonrennen soll. Wenn ein Schuss fiel, lag es an den Schauspielern, zu entscheiden, was sie tun würden. Und die Kamera konnte ihnen dann folgen - oder nicht. Sie waren auf sich selbst gestellt.
Und welche Regieanweisungen gaben Sie den Darstellern, die die Kidnapper spielen?
Nicht viele. Was auf der Leinwand wie eine komplizierte Szene aussieht, ist am Set gar nicht so kompliziert. Denn beim Dreh mussten die Darsteller einfach nur reagieren. Schwierig ist eher die Vorbereitung. Die Darsteller der Kidnapper absolvierten ein mehrwöchiges Training, und die der Geiseln sprachen mit den Überlebenden, um eine Beziehung zu dem aufzubauen, was die Geiseln durchgemacht hatten.
Gab es etwas, was sich Ihnen besonders eingeprägt hat, als Sie mit den Überlebenden der Geiselnahme sprachen?
Obwohl es schon Jahre her ist, dass sie gefangen gehalten wurden, ist es für sie schwierig, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es ist, als würden sie es noch einmal durchleben. Die Schauspieler weinten, wenn sie ihnen zuhörten, und auch ich war berührt. Etwas habe ich gelernt: Man ist auf sich allein gestellt im Dschungel, und man hat keine andere Wahl, als ums Überleben zu kämpfen.
Stimmt es, dass die Darsteller manchmal gar nicht wussten, ob sie gerade gefilmt wurden?
Ja. Und niemand, nicht mal Isabelle Huppert, konnte eine Szene unterbrechen.
Sie sagten ja schon, dass Sie Isabelle Huppert in São Paulo begegneten und dass sie Lust hatte, die Philippinen ein zweites Mal zu besuchen. Aber das war vermutlich nicht der einzige Grund, warum Sie mit ihr arbeiten wollten, oder?
Ich verfolgte das Projekt ja schon eine Weile, und ich wusste, dass ich ein größeres Budget brauchen würde. Ein Star wie Isabelle Huppert hilft dabei, die Finanzierung aufzutreiben, ganz davon abgesehen, dass natürlich jeder Filmemacher mit großen Künstlern wie ihr zusammenarbeiten möchte.
Filme, die einen europäischen Star in ein afrikanisches, lateinamerikanisches oder asiatisches Land versetzen, rücken diesen Star oft in den Mittelpunkt des Geschehens. Bei "Captive" ist das nicht so.
Am Set ist sowieso niemand ein Star. Die Arbeitsbeziehung zwischen Isabelle und mir ist von gegenseitigem Respekt geprägt, wir wissen beide, wie wir den Film machen wollen. Es ist wichtig, die richtige Haltung gegenüber dem anderen zu haben, um den Film ohne Schwierigkeiten machen zu können.
Ihre Filme umfassen normalerweise eine kurze Zeitspanne, ein paar Tage, eine Woche. Diesmal geht es um eine Zeitraum von über einem Jahr. War das eine Herausforderung?
Ja, ich bin daran nicht gewöhnt. Und ich dachte mir: Die Not der Geiseln, jedes Detail, die ganzen 18 Monate - alles ist wichtig. Ich habe versucht, die relevanten Augenblicke und Ereignisse auszuwählen und davon so viel wie möglich zu zeigen.
Ging Ihnen je durch den Kopf, Szenen leerer Zeit in den Film hineinzumontieren? Szenen des Wartens, des Nichtstuns?
Wir haben solche Einstellungen gedreht, aber ich wusste nicht, wie ich sie einbinden sollte. Als ich den Film gesehen habe, habe ich gedacht, dass ich es hätte versuchen sollen. Denn ich vermisse sie heute. Die Geiseln saßen ja oft nur rum und warteten. Andererseits ging es mir darum, dieses Gefühl des Gejagtwerdens zu betonen, das sie ununterbrochen hatten. Selbst wenn sie sich ausruhten, beherrschte sie der Gedanke, sich aufbruchsbereit halten zu müssen. Sie waren immer auf dem Sprung.
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