Eine Kleingartenkolonie in Norderstedt gibt sich eine Migrantenquote. Es habe "Probleme" mit den Eingewanderten gegeben. Nun wird zurückgerudert.von Emilia Smechowski

Kein Hort der berühmten deutschen Schrebergärtnergastfreundschaft. Bild: dpa
NORDERSTEDT taz | Man könnte meinen, die Welt stehe still in dieser Kleingartenkolonie auf dem flachen Land Schleswig-Holsteins. Ein Hahn kräht, sonst ist niemand zu sehen oder zu hören. Das täuscht. Hier tut sich was: Der Kleingärtnerverein Harksheide am Rande von Norderstedt hat sich dafür ausgesprochen, nur noch maximal 12,6 Prozent Migranten aufzunehmen. 73 Kleingärten befinden sich in der Kolonie. Drum herum Stacheldraht, nebenan die hiesige Ortsgruppe des Vereins für Deutsche Schäferhunde.
Eine Migrantenquote also. Weil es immer wieder Probleme mit Migranten gegeben habe, sollten künftig nur 9 Kleingärten an diese vermietet werden, derzeit sind es laut Vorstand 12. Erst ging ein Aufschrei durch die Stadt, dann durch die Medien, schließlich durch Kreis-, Landes- und Bundesverbände der Kleingärtner. Am Donnerstagabend dann rudert der Verein zurück: Es werde keine Quote geben, sie sei ein Fehler, man habe sich bei den Migranten entschuldigt. Also alles wieder gut?
"Nein", sagt Vorstandsmitglied Rainer M. Rohde am Telefon. Mittlerweile sehe er die Quote zwar kritisch, "aber dieser ganze Presserummel, der Druck durch die Stadt hat uns weit zurückgeworfen". Die hatte nämlich gedroht, die Pachtverträge für die Kolonie aufzulösen, wenn der Verein sich nicht ausdrücklich von dem unglückseligen Quotenbeschluss distanziere.
Es war der 30. Oktober, als während eines Vereinstreffens Stimmzettel ausgeteilt wurden. Mit drei Kästchen zum Ankreuzen: Sollte es in der Kolonie künftig 27 Prozent Migranten geben wie im benachbarten Hamburg? 19,6 Prozent, dem Bundesdurchschnitt entsprechend? Oder lieber nur 12,6 Prozent wie in Schleswig-Holstein? 59 von 70 Anwesenden sprachen sich für eine Quotenregelung aus, 41 davon für die strengste. Nur 11 Mitglieder stimmten dagegen, von denen einer das schriftliche Protokoll an den Bürgermeister gab. Auch der taz liegt es vor.
Es sei kein Beschluss an diesem Abend gefällt worden, sagt Vorstandsmitglied Rohde, man habe sich lediglich ein "Stimmungsbild" machen wollen. Vor allem die russischstämmigen Mieter würden immer wieder zu laut und zu lange feiern, Vereinstreffen würden sie meiden, kein Ehrenamt wie das des Gerätewarts annehmen - und "Guten Tag" sagen auch nicht.
"Mir ist klar, dass eine formelle Distanzierung nichts in den Köpfen ändert", sagt Stadtsprecher Hauke Borchardt. Dennoch sei der Beschluss wichtig gewesen. "Ich bin erschrocken über diese latente Ausländerfeindlichkeit. Da müssen wir ran. Das passt nicht nach Norderstedt."
Dabei hatten sie ja schon versucht, die Migranten zu integrieren, sagt Rohde. Eine Bocciabahn wollten sie bauen, einen großen Backofen kaufen, in dem sie auch Spanferkel braten können. Doch für die Finanzierung kam keine Mehrheit zustande. "Die Migranten hier isolieren sich", sagt Rohde. "Warum muss ich jemanden lieb haben, der mich nicht lieb hat?" Unter Zwang funktioniere keine Integration, sagt er und merkt nicht, wie ambivalent sein Satz gerade war.
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Leserkommentare
20.12.2011 12:18 | Eisvogel
Wenn Linksalternative eine Veränderung ihres Kiezes durch Gentrifizierung beklagen, ist das natürlich eine ganz legitime Sa ...
19.12.2011 23:32 | Anton Gorodezky
Tjoa, wenn Höchstquoten böse sind, Mindestquoten aber erlaubt: Demnächst in Norderstedt, 87,4% Deutschenquote. ...
17.12.2011 16:39 | Frau Edith Müller
Komisch. Mindestqouten darf und soll es überall geben, Höchstqouten bekommen den Stempel kriminell. Ansonsten eine wunderba ...