Die Parochialkirche in Mitte hat den AktivistInnen Platz zum Campen gegeben - zumindest einstweilen. von Barbara Cunietti

Am Freitag haben Banken-Kritiker auf dem Kirchhof in der Klosterstraße einen vorläufigen Platz gefunden. Bild: dadp/ap, Markus Schreiber
So sieht Camper-Idylle aus: Vor dem prächtigen Gebäude der Parochialkirche sitzen drei Menschen im Sonnenschein an einem langen Tisch. Man trinkt gemütlich Kaffee und unterhält sich im Schutze des weiß-grün gestreiften Pavillons. Der Tisch ist gedeckt mit Salzgurken, Margarine, Pralinen, Tee- und Kaffekannen.
Seit Wochen sucht die Occupy-Bewegung in Berlin einen Ort für ein Protest-Camp nach New-Yorker Vorbild. Bislang haben Polizei und Ordnungsamt alle Versuche abschlägig beschieden. Am Freitag nun konnten sich die Banken-Kritiker auf dem Kirchhof in der Klosterstraße häuslich niederlassen - wenigstens vorläufig. "Die Occupy Bewegung setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein und stemmt sich gegen die Allmacht des Kapitalismus. Das sind Werte, die wir teilen", sagt der Pfarrer von St. Petri-St. Marien, Gregor Hohberg, laut einer Mitteilung auf der Webseite der Gemeinde.
Sandra sitzt am Tisch und raucht eine Zigarette. Von Anfang an ist die 37-Jährige mit den purpurroten Haaren bei den Protesten dabei. In der Asamblea sei die Idee entstanden, nach Asyl bei einer Kirche zu fragen, erzählt sie. Durch Tipps auf Facebook seien sie auf die Marienkirche aufmerksam geworden und hätten den Pfarrer gefragt. Die Kirche hat auch Toiletten und Strom zur Verfügung gestellt. Zumindest bis Mittwoch dürfen sie bleiben, sagt Anna Poeschel, Sprecherin der Gemeinde. Dann müsse die Gemeinde entscheiden, ob das Zelten "mit der Würde des Ortes" zu vereinbaren sei. Am Mittwoch treffe sich deswegen der Gemeinderat.
Bislang gab es wohl keine Probleme, die Spielregeln sind klar: Das Gelände muss sauber gehalten werden, nachts soll es nicht laut werden. Darum kümmert sich auch die Polizei. Ein Beamter des Abschnitts 32 kommt vorbei. Er möchte mit einem "Gruppenführer" reden. "Es gibt keinen Führer, sprechen Sie einfach mit uns allen", sagt Irmgard. Der Polizist erkündigt sich, ob alles gut läuft. "Hat Sie jemand von den Anwohnern angerufen?" fragt ein Camper. - "Nein nein, wir kiekn nur, det allet sauber bleibt, weil es hier sensible Nachbarn gibt." Gegenüber des Kirchhof residiert die Senatsverwaltung für Inneres. "Wir sind hier für den Frieden", sagt Irmgard. "Wie wir alle", antwortet der Polizist.
Für den Friedenseinsatz hat man sich gut gerüstet. Auf dem Tisch steht ein Flachbildschirm, Geschirr und Besteck liegt ordentlich gestapelt auf einem Schrank. Eine Frau bringt Holz für das Lagerfeuer. "Viele Leute helfen uns und bringen Sachen, die wir brauchen", erzählt Sandra. Bis jetzt war die Kälte kein Problem. "Und wenn der Schnee kommt, können wir ein Iglu bauen", sagt sie. Und scheint sich drauf zu freuen.
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Im Juli 2011 schlug die Redaktion der kanadischen antikonsumeristischen Adbusters-Zeitschrift vor, angesichts der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich die Wall Street zu besetzen. Als Protestbeginn schlugen sie den 17. September, den Verfassungstag der USA vor. Die Idee wurde von vielen Aktivisten aufgegriffen und am 17. September wurde die Wall Street tatsächlich besetzt. So begann die Protestbewegung "Occupy Wall Street", die inzwischen zahlreiche Länder erfasst hat.
Doch die Wurzeln der Occupy-Bewegung sind vielfältiger. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde die Weltöffentlichkeit von mehreren demokratischen Proteste in arabischen und nordafrikanischen Ländern überrascht. Im Sommer begannen in krisengebeutelten europäischen Ländern Proteste gegen Einsparungen durch die Regierungen. Der Tenor: Banken bekommen in der Krise Milliardensummen zugesprochen während Renten und Sozialausgaben gekürzt werden.
Schon im Mai gab es von den spanischen Protestierenden den Aufruf für einen weltweiten Protest am 15. Oktober. Und so kam es. An diesem Tag gingen Menschen in fast 1.000 Städten in zahlreichen Ländern und Kontinenten auf die Straße.
Die Forderungen und Ziele der Bewegungen sind vielfältig, häufig geben sie auch vor, keine eindeutigen Ziele zu haben: Es geht um Partizipation, um Diskussion, um Gemeinsamkeit, um ein Unbehagen mit der Welt. Das Unbehagen wird durch den weltweit verbreiteten Slogan „We are the 99 percent“ ausgedrückt, dass trotz Demokratie und Freiheit eine kleine Anzahl von Menschen den Großteil der ökonomischen Produktionsmittel und der politischen Macht besitzen.
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Leserkommentare
01.11.2011 11:37 | Joachim Schlesinger
Was bedeutet die OCCUPY Bewegung für mich? ...
01.11.2011 10:29 | Silvia
:asamblea: in der TAZ: ...
01.11.2011 00:29 | Jonny
Die Demo am 15.10. war genial, die täglichen Asambleas (jetzt neben dem Kanzleramt, außerhalb des befriedeten Bezirks) sind ...