URALT&HEILIG Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren? Die Textilien im Dommuseum sind zum Teil sogar noch älter - und werden überhaupt nicht muffig präsentiert von Henning Bleyl

Im Museum: Ein Epitaph für Domvikar Henricus Borcherdi. Bild: J. Howaldt
Das Dommuseum hat eine neue Leiterin. Vor wenigen Tagen ging Gründungsdirektorin Ingrid Weibezahn in den Ruhestand, 25 Jahre nach Eröffnung des Museums endete damit eine Epoche. Neue Chefin ist die 40-jährige Kunsthistorikern Henrike Weyh, die sich in Sonderausstellungen unter anderem der Sakralkunst des 20. Jahrhunderts widmen will.
Unter Weibezahn hat sich die Einrichtung einen europaweiten Ruf als eine der ersten Adressen für mittelalterliche Textilien erarbeitet. Dazu zählen Kostbarkeiten wie Pontifikal-Schuhe, also bischöfliches Schuhwerk, und seidene Bischofsgewänder, deren Auffindung in den 70er Jahren als sensationell galt. Eines, das im 13. Jahrhundert aus dem Mittelmeergebiet importiert wurde und mehrere Jahrhunderte in einem Bremer Bischofsgrab lag, trägt die eingestickte arabische Schrift "der großmächtige Sultan".
Immerhin sind das Spuren einer Zeit, als der Bremer Dom ein Machtzentrum von imperialen Ausmaßen darstellte: Nach der Gründung des Bischofsitzes vor 1.225 Jahren entwickelte sich Bremen zur nordeuropäischen Missionszentrale, das expandierende Erzbistum umfasste nicht nur Hamburg, sondern ganz Skandinavien, wo es es zahlreiche Filial-Bistümer unterhielt. Bremen galt als "Rom des Nordens", obwohl das hiesige Wetter seinerzeit vermutlich auch nicht besser war als heute.
Nicht nur für Geschichtsfreaks und Textil-Experten hat das Dommuseum große Bedeutung, auch die "normale" Besucherstruktur kann sich sehen lassen: Rund 35.000 Neugierige kommen pro Jahr in die Räume im südöstlichen Eck des Doms, was die Einrichtung immerhin auf Rang fünf im Besuchsranking der Bremer Museen hebt. Dieser Erfolg ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil die Arbeit des Museums vollständig auf Spendenbasis steht. Die Domstiftung, die ebenfalls keine institutionellen Zuwendungen erhält, trägt zwei Teilzeitstellen, die übrige Museumsarbeit wird ehrenamtlich erledigt. Derzeit sind dabei rund 30 Menschen aktiv. Das Dommuseum bemüht sich intensiv um Kinderführungen, Schulkooperationen und Ferienprogramme.
Für HenrikeWeyh ist die Aufgabe im Dommuseum ein back to the roots: Nachdem sie sich beim Studium unter anderem in Utrecht ausgiebig mit der bildnerischen Darstellung von Kirchen-Interieurs beschäftigt hatte, promovierte sie in Kiel über "Die nationale Selbstdarstellung in dänischen Landschaftsgärten". Zurück in der Sakralkunst plant sie nun unter anderem Ausstellungen mit niederländischen Künstlern. Ihre erste Eröffnung am 24. Januar widmet sich der Kirchenfenster-Kunst von Max Herrmann.
Der Bleikeller unter dem Dom mit seiner immer mal wieder diskutierten Präsentation der Museums-Mumien fällt nicht in Weyhs Zuständigkeit, obwohl die Leichen ursprünglich in den heutigen Museumsräumen lagen. Auch die Gründung des Museums hängt unmittelbar mit geöffneten Gräbern zusammen: Bei der großen Domrestaurierung zwischen 1972 und 1984 wurden die erzbischöflichen Sarkophage unter dem mittleren Kirchenschiff geöffnet, wobei neben Ringen und Bischofsstäben vor allem die kostbaren Sakral-Textilien entdeckt wurden, die nach Jahrhunderten in der Gruft freilich nicht mehr allzu ansehnlich waren. An der Behebung dieses Zustands scheiterten zwar sämtliche in Deutschland konsultierten Spezialisten, doch die Textilwerkstatt des Schwedischen Reichsamtes für Denkmalpflege in Stockholm machte aus ihnen wieder die Kostbarkeiten, als die sie heute hochgeschätzt werden.
Das tröstet darüber hinweg, dass der eigentliche Domschatz in den Wirren der Reformationszeit verloren ging. Mit der Abschaffung des Erzbistums Bremen 1648 wurde auch die Dombibliothek weitgehend aufgelöst, der reformierten Ratsmehrheit war der erst katholische und dann lutherische Dom ohnehin ein Dorn im Auge. Das berühmte Faksimile des Dagulf-Psalter aus dem 8. Jahrhundert etwa liegt heute in der Österreichischen Nationalbibliothek, der Ende des 17. Jahrhunderts abgetrennte Einband hingegen befindet sich im Louvre.
Heute definiert sich das Dommuseum ausdrücklich als ökumenisch - was nicht selbstverständlich ist. Daneben gibt es einige explizit "katholische Vitrinen", die liturgische Geräte der Propsteigemeinde St. Johann und Traditionsgeräte der Bremer St. Jacobi-Brüderschaft ausstellen. Weyh verantwortet nun einen Ort, der wie kein zweiter im Fokus der bremischen Geschichte steht - diese Bedeutung über die seither vergangenen Jahrhunderte hinweg zu transportieren, ist ein anspruchsvolle Aufgabe.
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