Nazikneipe

Kahlschlag durch den Henker

Der "Henker" in der Brückenstraße in Schöneweide ist einer der wichtigsten Treffpunkte für Rechte. In der Nachbarschaft stehen inzwischen viele Läden leer. Es entsteht eine "national befreite Zone".von MARINA MAI

Der Henker in Farbe  Bild:  dpa

"Zu vermieten" steht steht an der Fensterscheibe des Geschäfts. Auch die Läden daneben in der Brückenstraße in Niederschöneweide warten auf Mieter. An manchen Geschäften sieht man noch, wer hier vor wenigen Monaten Waren angeboten hat: ein türkischer Spätverkauf, der Resteverwerter "Connys Container" und ein dänisches Kunstcafé. In dessen Glasscheibe hat jemand ein Hakenkreuz geritzt.

Wenn man von der Spree zur Brückenstraße kommt, dann ist die rechte Szenekneipe "Zum Henker" der erste Laden auf der linken Straßenseite. Sie gilt als überregionaler Treffpunkt militanter Neonazis. Die Fensterscheiben sind durch Metall ersetzt. Man hat sich verbarrikadiert. Doch neben dem Henker herrscht Leerstand. Erst nach 150 Metern ist wieder ein Ladenlokal vermietet: Dort führt eine Hebammenstation gerade einen Yogakurs durch.

 

Haben der "Henker" und der rechte Straßenterror in der Brückenstraße Mieter verdrängt? Die Vermutung liegt nahe. Letzten Sommer hatte die taz mit mehreren Gewerbemietern gesprochen. Sie erzählten von Müll, der vor ihren Läden abgekippt wird, von brennenden Kippen und Bierflaschen, die immer wieder hineingeworfen werden. Und von der unverhohlenen Aufforderung, aus der Brückenstraße zu verschwinden. Einige mussten das inzwischen tun.

Lutz Längert vom inzwischen geschlossenen Kiezbüro Schöneweide macht eher einen indirekten Zusammenhang auf: "Die soziale Situation in Schöneweide ist schwierig. Das ist ein guter Nährboden für rechtsextremes Gedankengut. Und das ist ebenfalls ein Nährboden fürs Ladensterben." Auch Gewerbemieter, die noch nicht aufgegeben haben, nennen eher soziale Gründe. Die Mitarbeiterin eines Ladens erzählt: "Hier fehlt die Kaufkraft." Die vielen Nazis in der Nachbarschaft seien ihr zwar unangenehm - "besonders wenn ich allein im Laden bin". Aber "ich tue ihnen nichts und sie haben mir auch noch nichts getan". Fensterscheiben werden hin und wieder eingeworfen. "Aber Täter wurden nie gefunden. Ich will denen vom ,Henker' nicht unterstellen, dass sie es waren." Aufgeben oder sich mit der Situation arrangieren, das sind hier die Alternativen. So entstehen national befreite Zonen.

Nicht aufgegeben in der Brückenstraße hat der Bundestagsabgeordnete Gregor Gysi (Linkspartei). Er unterhält hier sein Wahlkreisbüro. Sein Mitarbeiter André Schubert erzählt, dass immer wieder NPD-Aufkleber an der Fassade auftauchen. Erst vergangene Woche, einen Tag nachdem jemand die Fassade der rechten Kneipe in Pink getaucht hatte, war die Bürofassade blau und rotbraun. "Das geht den Nachbarn nicht anders", sagt er.

Britta H. war vor kurzem im Kino in den Spreehöfen, vom "Henker" aus gesehen schräg über die Spree. "Auf dem Nachhauseweg kam ich mir vor wie in einer anderen Welt", erzählt sie. Sie hätte sich zwischen Nazis in szenetypischer Kleidung wiedergefunden, die von einer Disco in die rechte Kaschemme gezogen waren. Einige hätten Bierflaschen geworfen. Fazit: "In dieses Kino gehe ich nie wieder."

 

Gabriele Schöttler (SPD) ist Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick und will den "Henker" seit fast einem Jahr loswerden. "Wir sind mit dem Vermieter im Gespräch, das Mietverhältnis zu beenden", sagt ihr Sprecher seit Monaten. Zum Stand der Gespräche gibt er keine Auskunft. "Die Polizei würde da sagen: aus ermittlungstaktischen Gründen", sagt er.

Da ist Hans Erxleben vom bezirklichen Bündnis für Demokratie und Toleranz auskunftsfreudiger. Auch er hätte schon den Vermieter schriftlich über die Kneipe aufgeklärt - "in der sich der militante Kern der rechten Szene trifft und sich vernetzt" - und ihn um Beendigung des Mietverhältnisses gebeten. Das war im November. Auf eine Antwort wartet er noch heute. Auch gegenüber der taz schweigt der Vermieter, eine Immobilienfirma in Erlangen. Gregor Gysis Wahlkreismitarbeiter André Schubert spekuliert: "Wenn die Nazis es wollten, könnten sie wahrscheinlich die halbe Brückenstraße mieten. Steht ja alles leer." 

Die Demo gegen den "Henker" beginnt am Freitag, 30.4., um 17 Uhr

taz.de berichtet Freitag ab 17 Uhr und Samstag den ganzen Tag im LIVETICKER von den Demos in Berlin, Hamburg und Rostock.

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