120.000 Menschen beteiligen sich am Anti-Atom-Protest zwischen den Atommeilern Brunsbüttel und Krümmel. In vielen Regionen klappte die Kette besser als erwartet.von Kai von Appen und Sven-Michael Veit

Schafe machen bei Brunsbüttel ihre eigene Kette. Bild: dpa
Um Punkt 14.30 Uhr ertönen die Alarmsirenen vor dem Atomkraftwerk Brunsbüttel. Auf der Bühne vor der Zufahrt zum Meiler, die zugleich Streckenposten Null der Anti-Atom-Kette ist, gibt Dirk Seifert vom Trägerkreis Kettenreaktion den "Anpfiff", die 120 Kilometer lange Menschenkette bis zum Atomkraftwerk Krümmel zu schließen. "Damit diese Reaktoren nie wieder ans Netz gehen", so sein Appell. Soweit das Auge blicken kann, haben sich die Menschen in Reih und Glied aufgestellt. Dann schicken die Teilnehmer mehrere La Ola-Wellen auf die Reise. "Damit die Botschaft schneller ankommt", sagt Seifert.
Unterstützt wird die Menschenkette vom Hohenlockstedter Fallschirmverein Skydive, der mit sieben Springern und einem Banner "Atomkraft nein Danke" vor der Menschenkette auf dem Deich bei der Ortschaft Büttel landet (Text unten). "Das war ein cooles Bild, wie eindruckvoll die Menschenkette stand", sagt die im Tandem mitgesprungene IG Metall-Sekretärin Christiane Niemann nach der Landung.
Schon den gesamten Morgen über hatte beim Aufbau der Bühne ein reges Treiben vor der Atomkraftwerks-Zufahrt geherrscht. Die Meldorfer Firma Aldra-Solar stellt den Bio-Diesel-Generator für die Kundgebung zur Verfügung. "Damit nicht Atomstrom genommen werden muss", sagt Geschäftsführer Bernd-Alexander Sönnichsen mit Sinn fürs Symbolische.
In Brunsbüttel werden die Leute frühzeitig vor der Bühne aufgefordert, sich zum Aufbau der Menschenkette auf der K 75 in Richtung Büttel auf den Weg zu machen. IG Metall-Ordner weisen den Weg. Erst in letzter Minute vor dem Anpfiff werden die Letzten direkt in die Lücke am Streckenposten Null dirigiert.
Dass sich die Menschenkette bis Glückstadt weitgehend aufgestellt hat, bestätigen noch während der laufenden Aktion zwei Einsatzleiter der Polizei. "Vor 34 Jahren war ich in Brokdorf auch dabei", sagt der eine. "Wir haben es aber nicht geschafft, Brokdorf ist gebaut worden - aber das Symbol ist geblieben", sagt er erfreut und zeigt auf das Transparent mit dem Sonnenemblem "Atomkraft - Nein Danke". Sein Kollege sinniert, dass es "früher oftmals anders zur Sache gegangen" sei, als er gegen Brokdorf demonstriert habe. "Heute ist das ja mehr ein Volksfest."
In der Tat: Nach der Aktion treffen sich Jung und Alt zur Kundgebung. Freude herrscht darüber, dass 120.000 Menschen an der Kette teilgenommen haben. Es werden zwar auch politische Redebeiträge gehalten, etwa von Brokdorf-Veteran Karsten Hinrichsen und Herrmann Albers vom Bundesverband Windenergie, oder von Uwe Zabel, Chef der IG Metall Unterelbe. Die Attraktion ist aber der Auftritt des Rappers Jan Delay und seiner Freunde. In seine Show baut er Atomkraftkritische-Elemente ein: "Feiert mit den Anti-AKW-Atzen."
Volksfest-Atmosphäre auch in Hamburg-Billstedt. Um 14 Uhr ist die vierspurige Ausfallstraße voller Leben. Menschen stehen und sitzen in der Straßenmitte, nur wenige Lücken gibt es noch. Ein türkisches Restaurant erkennt die Chance. Ein Kellner läuft die Reihe ab und bietet Kaffee an: "Echter Arabica, nur ein Euro." Etliche Becher wird er los. Eine Viertelstunde später kommt er wieder vorbei: "Cola, Fanta, Wasser, alles gekühlt, nur einsfünfzig." Auch am Rande des Kundgebungsplatzes am Billstedter Markt hat ein halbes Dutzend Türkinnen mit Kopftüchern die Gunst der Stunde genutzt und einen Imbissstand aufgebaut: Falavel, Böreks, Kartoffelsalat. Ein Postbote hält, stellt sich mit seinem gelben Fahrrad in eine größere Lücke: "So viel Zeit muss sein heute."
Um 14.30 Uhr schließt sich die Kette, auch hier im sozialen Brennpunkt im Hamburger Osten. Auf der leeren Straße spielen zwei achtjährige Jungen Fußball und lassen sich vom Lärm der Trillerpfeifen nicht stören. Um 15 Uhr löst sich die Kette wieder auf. Der Postbote radelt davon: "Ich muss dann mal wieder."
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