Landowsky wieder vor Gericht

Der lebende Tote

Klaus Landowsky steht ab Montag erneut vor Gericht. Dem einstmals mächtigen Berliner CDU-Mann droht in dem Bankenprozess Gefängnis, mit Sicherheit aber gibt es erneute Einblicke in das "System Landowsky" aus Macht und Machtmissbrauch.von ROLF LAUTENSCHLÄGER

Der 12. Mai 2001 war ein schöner Tag in Berlin. Die Frühlingssonne schien, auf den Berliner Seen zogen die ersten Jachten ihre Kreise. Auch die Hauptstadt-CDU war in Feierlaune. Zumindest äußerlich. Auf dem Landesparteitag in den "Tegeler Seeterrassen", wo "Aal grün" noch zu den Delikatessen gehört, war Frank Steffel (35) zum Nachfolger des im Bankenskandal versinkenden CDU-Fraktionschef Klaus Rüdiger Landowsky (59) gekürt worden. Ingo Schmitt, damals Generalsekretär, gab Business as usual als Parole aus. Man werde sich "nicht mit Vergangenem aufhalten". Die CDU, seit Monaten wegen der Bankenkrise, illegaler Parteispenden und dicker Personalquerelen in schwerstem Wasser, suchte dem ganzen Schlamassel entfliehen.

Klaus Landowsky ist seit 1961 Mitglied der Berliner CDU und war von 1971 bis 2001 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. In dieser Zeit war er in den Jahren 1975 bis 1990 als stellvertretender und von 1991 bis 2001 als CDU-Fraktionsvorsitzender im Parlament tätig. Zudem übernahm er von 1985 bis 1991 das Amt des Generalsekretärs der Berliner CDU.

 

Die Bankenaffäre beendete 2001 seine politische Arbeit. Erst musste er den Vorstandsvorsitz der Berlin-Hyp aufgeben. Im Mai 2001 verdrängte Frank Steffel ihn vom Fraktionsvorsitz. Als Ausgleich kürte ihn die Partei zum stellvertretenden Vorsitzenden der CDU in Berlin, er gab aber dieses Amt nach kurzer Zeit wieder ab.

 

Die Wähler straften die CDU bei der vorgezogenen Neuwahl des Abgeordnetenhauses im September 2001 ab. Sie stürzte von 40,8 auf 23,8 Prozent. Seither regiert Rot-Rot in Berlin. Landowsky war erst gar nicht wieder angetreten.

 

Die Justiz beschäftigt sich bis heute mit Landowsky. Eine Schadenersatzklage der Bankgesellschaft Berlin gegen ihn wurde zwar im September 2003 abgewiesen. Seit 2005 lief ein Strafverfahren wegen Untreue, in dem Landowsky 2007 zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt wurde. Das Urteil ist seit dem März 2009 rechtskräftig. In dem jetzigen Verfahren ist Landowsky wegen Untreue im Zusammenhang mit der Auflage von Immobilienfonds angeklagt. ROLA

Allen voran Klaus Landowsky. Der starke Mann der Berliner CDU hatte zwar seinen Abschied nehmen müssen, was ihn nicht davon abhielt, im Bierdunst der "Seeterrassen" eine krachende Rede zu halten. In dieser war von Einsicht oder Reue für die von ihm verantworteten hochspekulativen Bankengeschäfte nichts, aber vom Lagerdenken der alten Westberliner CDU viel zu hören. Die politische Zukunft gehöre der Union und nicht den Sozis, Grünen oder den Roten aus dem Osten. "Wir lassen uns die Stadt von denen nicht wegnehmen", wetterte Landowsky.

Wer genau hinhörte, der spürte, wie hohl die Durchhalteappelle klangen. Als "gefährlichen Fall von Realitätsverlust" interpretiert heute ein ehemaliger CDU-Fraktionsgeschäftsführer die Landowsky-Gala. Zu Recht. Einen Monat danach waren Landowsky und seine CDU weg vom politischen Fenster. Nach dem Auftritt in den Seeterrassen kam von "Lando", wie er in Berlin genannt wurde, nichts mehr - bis auf schlechte Nachrichten. Ganz schlechte.

Landowsky darf man heute ungestraft einen Gangster nennen. 2007 in erster Instanz und 2009 rechtskräftig wurde er wegen Veruntreuung zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Als leitendes Vorstandsmitglied der Berlin-Hannoverschen Hypothekenbank - der "Berlin Hyp" - hatte er risikoreiche Kredite für Immobiliengeschäfte vergeben und Millionen aus der Bank gepumpt.

Und wenn "Lando" Pech hat, wird man ihn bald "Knacki" nennen können. Ab Montag stehen er und elf weitere Ex-Bankmanager erneut wegen schwerer Untreue vor Gericht. Dann geht es um die sogenannten Rundum-Sorglos-Fonds von Tochterunternehmen der Bankgesellschaft Berlin, die Anlegern Steuervorteile und Renditen für 25 Jahre garantierten - und platzten. Das Land Berlin blieb auf 2,2 Milliarden Euro Schulden und Bürgschaften für weitere 21,6 Milliarden Euro sitzen. Ein Wahnsinn.

Blass und mit tiefen Ringen unter den Augen war Landowsky beim letzten Prozess angetreten. Er wehrte sich gegen die "Hetzkampagne" und die "Rache der Linken". Er hatte auf "unschuldig" gehofft und über den Richterspruch "tief betroffen" den Kopf geschüttelt. So etwas kannte der einst mächtigste Banken- und Fraktionschef nicht. Blockade, Mauerbau und Mauerfall und sogar die PDS im Abgeordnetenhaus, alles, überhaupt alles hatte er erlebt und überstanden. Doch das ging zu weit.

Mehr noch. Richtig schlecht geht es ihm, weil die Union und seine einstigen Anhänger ihn nicht mehr kennen wollen. "Lando" ist Persona non grata. Die heutigen CDU-Granden sowieso, aber auch frühere Weggefährten wie Eberhard Diepgen, Michael Braun oder Frank Steffel gehen ihm aus dem Weg. Im Tennisclub wird dem Alten der Handschlag verweigert. Neulich, so wird kolportiert, wurde er beim Einkaufen regelrecht "angeschissen", er möge doch Berlin den Rücken kehren, sagten ihm die Leute ins Gesicht. Das wäre das Beste.

Wolfgang Wieland hat viele Schlachten gegen Landowsky geschlagen. Wieland sitzt heute im Bundestag, zu Landowskys Zeiten war er Fraktionschef der Grünen in Berlin, kurzzeitig gar Justizsenator. "Marx ist tot, Lenin ist tot, und Sie, Herr Wieland, sind auch schon ganz blass", hat "Lando" einmal in seine Richtung im Abgeordnetenhaus gebellt. Jetzt nennt Wieland Landowsky "einen lebenden Toten", der fast überall geschnitten wird. Wieland denkt nicht einmal an Rache, wenn das Gespräch auf seinen Erzfeind kommt. Das erledigen andere, meint der Grüne. "Die Partei hat kein Verhältnis mehr zu ihm. Er büßt jetzt für alles mit seinem gesellschaftlichen Tod."

Den Grund für die interne wie öffentliche Exekution sieht Peter Grottian, emeritierter Professor für Politik an der FU und Mitaufklärer des Bankenskandals, in Landowskys Uneinsichtigkeit: "Er rechtfertigt sein Handeln bis heute ohne erkennbares Zeichen der Reue." Landowsky, der große Strippenzieher, lebe noch immer in dem "Unrechtsbewusstsein", dass er das Beste für Berlin und die Bevölkerung gewollt hat. "Dass er Schaden angerichtet und unverantwortlich gehandelt hat, sieht er nicht. Damit hat er den Respekt verloren."

Zumal seit den Prozessen klar ist, dass er der Hauptverantwortliche des Skandals und der Großmeister der Vertuschung ist. Das Unschuldslamm, das der Lügenbaron seit Jahren spielt, nehmen die Leute ihrem "Lando" krumm. Es war Verrat, darum die Verstoßung und der tiefe Fall.

Im Grunde beginnt auch der Abstieg Landowskys - wie in jedem Shakespeareschen Königsdrama - auf dem Höhepunkt seiner Macht. Der 1942 geborene Berliner und sein Verbindungs- und Jurastudienfreund Diepgen hatten in den 70er-Jahren die muffige CDU erneuert und 1984 die Regierungsbank erobert. Landowsky beschaffte für Diepgen die Mehrheiten, zunächst als CDU-Generalsekretär, später als Fraktionschef der Union. Zum "System Landowsky", wie es genannt wurde, gehörte neben dem Sitz im Parlament auch der Parteibuchjob als Banker. Landowsky hatte 1978 bei der landeseigenen Pfandbriefbank angeheuert, die ihn bis in den Konzernvorstand der Berliner Bankgesellschaft führte. Und weil man in Berlin über das Baugewerbe nicht nur am weitesten kommt, sondern dort am besten verdient, nahm "Lando" auch gleich einen Vorstandssitz in der Wohnungsbaukreditanstalt mit.

Es war ein persönliches, politisches und strategisches Netz, das "Lando" im typischen Milieu des Westberlin jener Jahre knüpfte. Die Partei-Amigos halfen sich: Diepgen regierte, Dankward Buwitt führte die CDU-Kassen, Peter Kittelmann und Gero Pfennig sorgten für das "Vitamin B" zur Bauindustrie - etwa zu den Unternehmern Klaus Groth oder den späteren Spendengebern Aubis. Die "K-Gruppe", wie die Kumpeltruppe genannt wurde, mischte in Westberlin feste mit. An der Spitze: Landowsky.

"Er war der Pate." Man kann es kaum treffender sagen als Frank Zimmermann (SPD), von 2002 bis 2006 Vorsitzender des Banken-Untersuchungsausschusses. "Pate" steht synonym für Machtakkumulation und Machtmissbrauch. So genehmigte sich der "Pate" und "Strippenzieher" Landowsky als Multifunktionär zudem führende Rollen in Stiftungs- und Beiräten, in Aufsichtsratsposten, Kunstvereinen und politischen Gremien. Fehlte einmal Geld für den Tennisclub Rotweiß oder für eine spektakuläre Ausstellung, machte "Lando" bei der Lottostiftung die Gelder flüssig. Im Rundfunkrat des SFB dirigierte er Geld, Personal und Programme.

Dass er als Vorstandschef der "Hyp" Kredite für Bauvorhaben und Immobiliengeschäfte vergab, war nicht illegal. Illegal war nur, dass er sich das wohl "bezahlen" ließ. Der Rest ist bekannt. 1995 übergaben die CDU-Mitglieder und Aubis-Bauunternehmer Klaus-Hermann Wienhold und Christian Neuling 40.000-Mark in bar als Parteispende an Landowsky. Zeitnah spendierte Landowskys Berlin Hyp der Aubis einen Millionenkredit. Das war zu viel für das "System Landowsky". An rechtsfreie Räume zu glauben, die Stadt als Beute zu begreifen, überlebt kein Diepgen, kein "Lando", keine Union.

Für Wolfgang Wieland ist der Über-CDU-Mann darum zugleich zum Totengräber der Partei avanciert. Landowsky habe nicht nur Berlin und sich selbst ruiniert, "sondern die eigene Partei". Von dem "Modell der liberalen Großstadt-CDU mit einem Volker Hassemer oder Christoph Stölzl als ,Köpfe' ist heute nichts mehr zu spüren." Die Partei ist am Boden. Auch das geht auf die Rechnung des "Paten".

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