Wo gentrifiziert wird, verschwinden auch lieb gewonnene Kneipen. Zwei Hamburger Künstlerinnen haben einen Weg des Bewahrens gefunden. Heute eröffnet ihr "Club-Museum".von Klaus Irler

Kaum zu unterscheiden: Links der Nachbau, rechts die Realität der Hamburger Astra-Stube. Bild: Alexandra Grieß
HAMBURG taz | Die Plattenspieler stehen auf dem Tresen, die Bierkisten dahinter. Die Wände sind hüfthoch holzvertäfelt, das Holz ist gelb gestrichen und übersät von Signaturkürzeln - sogenannten Tags - und Aufklebern. Auf den Tischen stehen Aschenbecher und im Eck ein Kicker. Das ist die "Egal Bar" im Hamburger Karolinenviertel. Geöffnet wird sie täglich um 21 Uhr. Ob das stimmt, weiß niemand so genau, weil um 21 Uhr noch nie jemand hingegangen ist. 21 Uhr ist für die Egal Bar zu früh.
Kneipen wie die Egal Bar gibt es in jeder Großstadt und in den größeren unter den Großstädten sind diese Kneipen latent von der Schließung bedroht. Das Spiel läuft immer gleich: Der Hauseigentümer will sanieren oder verkaufen oder beides und kündigt den Mietvertrag. Am Ende gibt es statt der Kneipe eine Boutique, eine Cafébar oder eine Eigentumswohnung. In Hamburg hat sich mit dem Netzwerk "Recht auf Stadt" eine Protestbewegung gegen diesen Mechanismus gegründet.
Die Künstlerinnen Dani Freitag und Alexandra Grieß hat diese Problematik auf die Idee für ein Kunstprojekt gebracht: Unter dem Namen "Barkeepers" bauen sie von der Schließung bedrohte Kneipen originalgetreu in Schuhkartons nach. Die kleinen Modelle fotografieren sie in Detailaufnahmen ab und fotografieren dieselben Details an den Originalschauplätzen. Die beiden Fotos des Modells und des Originals zeigen sie nebeneinander.
Die erste Ausstellung nun würdigt unter dem Namen "Clubmuseum" die Egal Bar sowie die "Astra Stube" und wird heute im Laden neben der Egal Bar eröffnet. Sie dauert eine Woche, geplant sind ergänzend auch Lesungen und Konzerte.
Das Konzept des Projekts erinnert an den Fotografen Thomas Demand, der medial verbreitete Szenerien wie zum Beispiel das Kerzenmeer nach der Loveparade-Katastrophe aus Pappe nachgebaut und fotografiert hat. Doch die Stoßrichtung ist genau entgegengesetzt: Demand will zeigen, wie die Welt verschwindet, wenn sie in der Form einer medialen Konstruktion daherkommt. Die Barkeepers wollen zeigen, wie ihnen nur die mediale Konstruktion bleibt, um ihre Welt zu retten.
Wobei das Ende der Egal Bar schon so lange bevorsteht, dass es seinen Schrecken langsam verloren haben dürfte. "Ich saß 1994 bei der Stadt und die haben mir gesagt: ,Häng' lieber kein Bild an die Wand, das wird bald saniert'", sagt Betreiber Jurij Klauss. Stand der Dinge sei nun, dass die Stadt am Grundstück der Egal Bar mittel- bis kurzfristig Sozialwohnungen errichten wolle. Sozialwohnungen, immerhin. "Die Deadline ist der 5. Januar", sagt Klauss. "Aber es kann auch sein, dass es sich noch hinzieht."
Noch weniger akut ist die Bedrohung im Falle der Astra-Stube: Diese Kneipe befindet sich unter einer S-Bahn-Brücke, die die Deutsche Bahn früher oder später sanieren will. Bis Ende 2013 sei der Fortbestand der Astra-Stube aber gesichert, sagt Volker Meier von der Betreibergesellschaft. Danach müsse man weitersehen, so Meier - sei aber guter Hoffnung, dass es auch dann noch weitergehe.
Barkeepers-Vernissage: 18.11., 21 Uhr, Marktstr. 131, Hamburg. Öffnungszeiten: Sa ab 14 Uhr, So 15 bis 19 Uhr, Di bis Do 21 bis 24 Uhr, Fr ab 21 Uhr
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