Kommentar: Im Glauben an die Ratio
Der Berliner Senat kann im Streit um den Religionsunterricht an Schulen gelassen bleiben.
Alljährlich am zweiten Donnerstag nach Pfingsten ziehen Hunderte in bunten, wallenden Kleidern rund um den Gendarmenmarkt. Sie folgen einem güldenen Gefäß, in dem sich Esspapier befindet. Gestern war es wieder so weit. Fronleichnamsprozession nennt sich das Schauspiel. An ihm lässt sich vortrefflich erklären, worum sich der Streit um den Religionsunterricht an Schulen tatsächlich dreht.
Im katholischen Religionsunterricht würde gelehrt, dass es sich bei dem angebeteten Brotersatz um den lebendigen Leib Christi handelt. Protestanten würden die Ansicht vertreten, dass die Oblate eher ein Symbol für den Leib Christi sei. Im Ethikunterricht wiederum würde verkündet, dass es neben diesen beiden noch ganz andere Auffassungen gibt. Und dass man diesen je nach Gusto Glauben schenken kann - oder auch nicht.
Die Kirchen wollen nun per Volksentscheid durchsetzen, dass Schüler ausschließlich den von ihrer jeweiligen Sichtweise geprägten Unterricht besuchen dürfen. Denn sie fürchten zu Recht, dass nur wenige Schüler Lust verspüren, sich nach der Ethikstunde noch zusätzlich mit christlicher Lehre beweihräuchern zu lassen.
Doch der Senat muss einen religiös geprägten Wahlkampf nicht fürchten. Im Gegenteil. Er könnte, vom Glauben an die Richtigkeit des überreligiösen Ethikunterrichtes überzeugt, darauf vertrauen, dass dieser bei einer Volksabstimmung auch den Segen der rational denkenden Basis bekäme.
Das Fronleichnamsfest geht übrigens auf eine belgische Nonne zurück, die im Jahr 1209 eine dunkle Stelle auf dem Mond erblickte und daraus unzweifelhaft schloss, dass ein Fest zum heiligen Altarsakrament fehle.
Astronomie an Schulen kann auch nicht schaden.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert