Kommentar von DANIEL BAX

Daniel Bax ist Meinungsredakteur der taz. Foto: taz
Obamas Europa-Reise beginnt mit einer Bauchlandung. Vor dem Brandenburger Tor wollte er ursprünglich sprechen, doch damit ist er gescheitert - am Widerstand der Bundeskanzlerin, die sich über sein Ansinnen öffentlich "befremdet" zeigte. Noch mehr aber wohl am indirekten Druck aus Washington, wo man dem aussichtsreichsten Anwärter auf das Präsidentenamt den PR-Auftritt vor symbolträchtiger Kulisse missgönnte.
Obama wird jetzt mit der Berliner Siegessäule vorliebnehmen, um seine angekündigte Rede zu halten. Das aber ist eine schlechte Wahl. Denn so, wie das Brandenburger Tor für den Kalten Krieg und dessen Überwindung steht, ist die Siegessäule ebenfalls ein Symbol. Weltberühmt wurde sie als Austragungsort der Love Parade, die sich jahrelang um das Wahrzeichen schlängelte. Will Obama also in den Schatten von Techno-DJs wie Dr. Motte treten? Mit diesem Ort kommt er jedenfalls all jenen Kritikern entgegen, die in ihm mehr einen Popstar als einen Politiker sehen wollen und damit Ernst und politische Substanz absprechen. Hätte ihm das nicht jemand sagen können?
Das Schöneberger Rathaus, während der Jahre der Teilung das politische Zentrum des westlichen Berlins, wäre eine bessere Wahl gewesen. Immerhin sprach hier einst John F. Kennedy sein "Ich bin ein Berliner" - und wenn man die Wahl hat, auf Augenhöhe mit Kennedy oder mit Dr. Motte zu treten, sollte die Entscheidung eigentlich nicht schwer fallen. Andererseits hätte es ihm auch als Anmaßung ausgelegt werden können, so offensichtlich die Nähe zum charismatischen Vorgänger zu suchen.
Noch besser wäre es daher gewesen, wenn sich Obama in der deutschen Hauptstadt einen Ort gesucht hätte, der bislang noch nicht mit Symbolik überfrachtet ist. Doch, solche Orte gibt es. Der Gendarmenmarkt in Berlins historischer Mitte, der mit seinen klassizistischen Kirchen wie ein Postkarten-Abbild Europas wirkt, wäre so ein Platz gewesen, er hätte auch sicher schöne Fernsehbilder für die amerikanischen Wohnzimmer abgegeben.
Die werden nun von der Siegessäule kommen müssen. Und wenigstens zu Hause, in den USA, kann Obama darauf hoffen, dass dort kaum jemand den Unterschied erkennt.
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Leserkommentare
23.07.2008 17:40 | L.A.WOMAN
Wahrhaft ein Trauerspiel, das Geschreibsel der Medien, die alle gleichlautend mehr oder minder kaschiert die Meinung einer ...
19.07.2008 14:39 | Dirk Mirow
Ich bin schon etwas überrascht, dass auch in der taz wie woanders ein wenig verbissen über den Auftrittsort diskutiert wird ...
19.07.2008 09:25 | Robert Mehdel
Gut auf den Punkt gebracht, Herr Bax! Ihre Meinungen finde ich immer öfter am Besten.