Kommentar von THOMAS WINKLER
Zu sehen war: eine Hundertschaft gruseliger Gestalten mit Stangen und eindeutig brutalen Absichten. Nicht zu sehen war: Als die Berliner Ultras das Spielfeld des Olympiastadions stürmten, folgte der Großteil der Fans in der Hertha-Kurve nicht dem Herdentrieb. Trotz der Niederlage in letzter Minute, die den Abstieg ihres Klubs wohl besiegelt hat, blieb die Mehrheit frustriert, aber brav dort, wo sie hingehört - auf den Rängen.
Die Gewalt, die in den Stadien seit einigen Wochen wieder einmal verstärkt aufflammt, hat wenig mit Fußball zu tun. Sie ist auch nicht Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, nicht Ventil für den Frust einer jeder Hoffnung beraubten Hartz-IV-Generation. Der gewaltbereite Teil der Ultrabewegung sind Testosteron-Junkies aus allen Schichten, die den Fußball als medienwirksamen Anlass für ihre Krawall-Events missbrauchen.
Bisher allerdings ging diese Minderheit in der großen Mehrheit aller Fußballfans auf und wurde dadurch auch von ihr geschützt. Weil staatliche Repressionen wie Stadionverbote in ihrer Streuung nicht nur die Gewalttäter treffen, entstand eine Solidarität innerhalb der Fanszene, wurde sie durch den Druck von außen zu einer Art Zwangsgemeinschaft.
Diese Solidarität aber bröckelt nach den jüngsten Gewaltausbrüchen. Zwar weisen Vertreter von Fanprojekten auf Italien hin, wo die Ultrakultur ihren Ursprung hat, aber auch mit staatlichen Zwangsmaßnahmen und sogar Gesetzesänderungen nicht unter Kontrolle zu bekommen ist. Nun aber fordern erstmals auch Fanvertreter offensiv eine Diskussion in der eigenen Klientel, die Auseinandersetzung mit den Gewaltbereiten und vor allem deren interne Ächtung. Die Vereine können diesen Prozess positiv begleiten, der Impuls aber muss von den Anhängern selbst kommen, eben von denen, die im Olympiastadion auf den Rängen geblieben sind. Ob eine solche interne Diskussion zu praktikablen Lösungen führt, wird man sehen. Überfällig aber ist sie schon lange.
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