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Kommentar Flüchtlingsunterkunft Liberal bis zur Komfortzone

Jan Kahlcke

Kommentar von

Jan Kahlcke

Es setzt der Verlogenheit die Krone auf, wenn sich der Widerstand gegen Flüchtlinge vor der Haustür unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge für sie tarnt.

D ie Flüchtlings-Sammelunterkunft im Bremer „Viertel“ ist genau das richtige Signal – sogar in Zeiten, in denen Sammelunterkünfte eigentlich nicht mehr sein sollten. Denn anders als die meisten anderen Immobilien, die auf diesen Namen hören, entspricht sie eben nicht dem Klischee, das man damit verbindet: Es ist keine heruntergekommene Kaserne, in die Hunderte von Flüchtlinge gepfercht werden, irgendwo am Ende der Stadt, isoliert vom Rest der Bevölkerung und mit zwei Linienbussen am Tag.

Im Gegenteil: Sie ist verhältnismäßig klein, hat einen relativ guten baulichen Standard, liegt fußläufig zur Innenstadt und ihrer Infrastruktur – und mitten in einem funktionierenden Gemeinwesen. In einem Stadtteil, der von seiner Struktur her bürgerlich ist, in dem Nichtdeutsche aber dennoch ganz selbstverständlich zum Straßenbild gehören. Und in der Nähe von antirassistischen Initiativen und Treffpunkten.

Dass just jenes links-bürgerliche Milieu, in dem man immer stolz auf die eigene Liberalität gewesen ist, nun gegen die Flüchtlingsunterbringung vor der eigenen Haustür mobil macht, zeigt, wie weit diese Liberalität reicht: Bis zur eigenen Komfortzone. Es setzt der Verlogenheit die Krone auf, wenn sich dieser Widerstand unter dem Deckmäntelchen der Fürsorge für die Flüchtlinge tarnt. Wer je eine Flüchtlingsunterkunft gesehen hat, muss wissen, dass diese geeignet ist.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Jan Kahlcke

Jan Kahlcke Redaktionsleiter

Jan Kahlcke, war von 1999 bis 2003 erst Volontär und dann Redakteur bei der taz bremen, danach freier Journalist. 2006 kehrte er als Redaktionsleiter zur taz nord in Hamburg zurück
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1 Kommentar

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  • Nachdenker

    100% Zustimmung zu diesem Kommentar. Aber trotzdem eine Frage: Wie nah wohnt der Autor selbst an der nächsten Flüchtlingsunterkunft?