Kommentar von MARKUS VÖLKER
Die Bundesrepublik hat bis zum Mauerfall 243 olympische Medaillen gewonnen. Die DDR-Botschafter im Trainingsanzug sammelten mehr als das Doppelte ein: 519 Plaketten. Es war genau dieses Missverhältnis, das Sportfunktionäre und Sportärzte im Westen antrieb, hinter die Geheimnisse des Erfolgs zu kommen. Das war nicht allzu schwer. Staatlich strukturiertes Doping machte die Läufer jenseits des Eisernen Vorhangs schnell und die Schwerathleten stark. Der Ostblock mochte wirtschaftlich unterlegen sein, sportlich konnte er den Westen übertrumpfen.
Doch es wurmte nicht nur die Westsportler gehörig, dass sie den DDRlern im blauen Leibchen fast immer hinterherlaufen mussten, auch Politikern in Bonn passte das nicht. Was lag da näher, als ein wenig gegenzusteuern: Die Bundesrepublik baute sich eine billige kleine Kopie des DDR-Systems. Es gab kein Ukas wie das DDR-Staatsplanthema 14.25, es gab auch keine systematische Durchseuchung des Leistungssports, aber es gab, wie eine Studie jetzt zeigt, staatlich subventionierte Dopingforschung und ein System der Duldung und des Gewährens.
Niemand hat wohl explizit die Anweisung zum Dopen gegeben. Aber wenn die Strategen des Bundesinstituts für Sportwissenschaft der Uni Freiburg oder der Sporthochschule Köln die Grenze zwischen Antidoping- und Dopingforschung verschwimmen ließen, dann griff niemand im Innenministerium ein. Die stillschweigende Übereinkunft lautete: Irgendwie müssen wir ja mithalten mit denen da drüben. Im Wettlauf der Systeme sollte auch mal ein Sportler mit dem roten Brustring gewinnen. Deswegen wurde auch gern das Know-how von Überläufern des DDR-Sports abgegriffen.

ist Redakteur im Sport-Ressort der taz. Foto: taz
Die Ergebnisse der Forscher aus Berlin und Münster führen die jahrzehntelang gehegte These von den Einzeltätern im Westsport ad absurdum. In einem Klima der Dopingbegünstigung versuchte man Schritt zu halten mit den Pillenschluckern aus dem Osten.
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