Interview aus der "Literataz"
"Muslime sind Teil von Europa"
Das Kopftuch ist zentral für das Verständnis des gegenwärtigen Islams, meint die türkischstämmige Soziologin Nilüfer Göle. Ein Gespräch über moderne Frauen, freie Entscheidungen und europäische Ignoranz.
Leserkommentare
15.10.2008 18:58 Uhr
von Andreas Thomsen:
Das Kopftuch selbst ist doch nicht das Problem - das haben unsere Urgroßmütter auch getragen. Das Problem ist, dass es zu einem Abzeichen, zu einer Uniformierung geworden ist: wer dazugehört und wer nicht. Vor einer Generation noch konnten überzeugte Musliminnen z.B: aus Nordafrika durchaus westlich gekleidet gehen, ohne dass irgendjemand ihren Glauben anzweifelte.
Ich hätte gerne gewusst, ob eine Muslimin (nicht "Muslima") auch dann als vollwertiges Gemeindemitglied gilt, wenn sie kein Kopftuch trägt? Ob also der Glauben demonstrativ zur Schau gestellt werden muss? Und warum dann gut muslimische Männer sich keine Bärte wachsen lassen müssen usw.?
Mir scheint vielmehr, dass das Kopftuch zur Kategorie "Sitten und Gebräuche" und nicht zu den Glaubensfragen gehört.
Also kann man sagen: "ich respektiere Deinen Glauben, aber ich finde die Art, wie Du ihn demonstrierst nicht gut"? Schliesslich gibt es auch eine europäische Tradition, die Kopfbedeckung zu Hause und in bestimmten Gebäuden, z.B. in der Schule, abzunehmen, die von den politischen Kopftuchträgerinnen nicht respektiert wird.
Gerade der demonstrative Akt des sich selbst Ausgrenzens ist das Problem. Man sollte dieses Ausgrenzen nicht dadurch verstärken, dass man gegen das Kopftuch agitiert. Sondern nur höflich und freundlich darum bitten, auch unsere Sitten und Gebräuche zu respektieren.
15.10.2008 01:42 Uhr
von Martin Korol:
Alles gut und schön, aber noch schöner wäre es, wenn Frau Göle das Modalverb "müssen" etwas sparsamer verwenden würde.
Martin Korol, Bremen
14.10.2008 23:49 Uhr
von Alice:
"Das Kopftuch ist zu einem Identitätszeichen geworden. Die Frauen, die das Kopftuch tragen, unterscheiden sich: von Deutschen und Franzosen, aber auch von anderen Muslimen und von ihren Müttern. Die Frauen machen den religiösen Unterschied sichtbar und kommunizieren ihn in den öffentlichen Raum."
Mit anderen Worten: In den Fällen, in denen das Kopftuch kein Symbol patriachalischer Unterdrückung ist, ist es ein Symbol für Nationalismus oder Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Na dann...
14.10.2008 23:07 Uhr
von Herwig Schafberg:
Wenn Nilüfer Göle meint, Deutsche und Franzosen müssten "aus dem nationalstaatlichen Rahmen herauskommen und europäischer werden", gebe ich ihr insofern recht, als die Genannten ebenso wie andere Völker Europas ein europäisches "Wir-Gefühl" entwickeln sollten, damit die Einheit der EU vertieft und damit auf Dauer erhalten werden kann.
Auch wenn die Europäer dem Christentum zumeist nur noch formal angehören, ist dieses ebenso wie Renaissance und Aufklärung weiter bedeutsam als Kulturerbe, das ihre Mentalität - mit Ausnahme der Balkanvölker - geprägt und zur Entstehung einer Zivilgesellschaft mit gemeinsamen Vorstellungen von Individualismus und Pluralismus, Freiheit und Mündigkeit des einzelnen sowie Minderheitenschutz und gesellschaftlicher Solidarität, Rechts- und Sozialstaat beigetragen hat.
Die Türkei hat jedoch ebenso wenig aktiv wie andere Herkunftsländer muslimischer Migranten an der geistigen und politischen Entwiklung Europas, sondern lediglich als Rezipient teilgenommen. Die Öffnung nach Europa wie auch die Säkularisierung der Türkei blieben oberflächlich und waren mit keinem tiefgreifenden Bewusstseinswandel der weiter in muslimischen Traditionen verharrenden Bevölkerung - mit Ausnahme der kleinen urbanen Bourgeoisie - verbunden. Ähnliches gilt für Länder wie Algerien und Marokko, aus denen die übrigen Muslime in Europa vor allem kommen. Inwieweit muslimische Migranten anatolischer und maghrebinischer Herkunft an der Entwicklung eines europäischen "Wir-Gefühls" beteiligt sein werden oder davon ausgegrenzt bleiben, wird davon abhängen, inwiefern sie sich akkulturalisieren lassen. Gesellschaftliche Integration reicht dafür nicht aus.
14.10.2008 19:38 Uhr
von Gunter Zub:
Der Islam wird solange nicht Teil europäischer Identität werden können, wie in muslimischen Ländern, auch zum Teil in der ach so fortschrittlichen Türkei, christliche Mission, Konversion zum Christentum, der Bau von Kirchen, selbst der Besitz von Bibeln verboten ist, sanktioniert wird oder nur unter Lebensgefahr praktizierbar ist.