Das Internet wird als weit verzweigt, dezentriert und deterritorialisiert beschrieben. Bei näherer Betrachtung kehren sich die positiven Eigenschaften ins Gegenteil um.von Philipp Goll

Auf Affirmation getrimmte Netzsubjekte? Bild: imago/Jochen Tack
Bis heute ist es in manchen Milieus gängig, dem Internet oder den darin sich entspinnenden sozialen Netzwerken utopische Eigenschaften zuzuschreiben. Gewöhnlich beschreibt man das Netz dann als weit verzweigt, dezentriert und deterritorialisiert - womit ein antihierarchischer und demokratischer Aspekt des Internets betont werden soll.
Das ist aber nicht nur deshalb unsinnig, weil Kommunikationsmedien möglichst hinsichtlich ihrer Funktionstüchtigkeit und -logik und nicht ihrer utopischen Qualitäten betrachtet werden sollten. Auch sieht man den Aspekt der vorgeblich dezentralen Verwurzelung tagtäglich in der eigenen Praxis widerlegt: Wir rufen in der Regel immer die gleiche Suchmaschine auf. Um zu erfahren, was die Freunde vorgeben zu tun, loggen wir uns immer in dasselbe soziale Netzwerk ein.
Längst haben sich Hauptverkehrsstraßen im Netz etabliert. Der Medienkünstler und -wissenschaftler Aras Özgün spricht von einer "Haussmanisierung" des Internets: soziale Netzwerke als Boulevards - ganz so, wie sie der oberste Stadtplaner von Paris, Georges-Eugène Haussmann im 19. Jahrhundert zur Kontrolle der Massen entwarf.
Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich positive Assoziationen an das Netzwerk knüpfen. Wir erinnern uns: Mit Netzen lassen sich Lebewesen einfangen. Trotzdem spricht man emphatisch von Netzwerken, um das Offene an sozialen, geschäftlichen und kulturellen Beziehungen zu beschreiben. Auch in der Kunstwelt bediene man sich der Metapher des Netzwerks, sagt der Kunstsoziologe Ulf Wuggering.
In einem Interview mit Pascal Jurt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Springerin. Hefte für Gegenwartskunst erklärt Wuggering, dass dies aufgrund der geläufigen positiven Konnotationen des Begriffs nicht selten als Verschleierung harter ökonomischer Bandagen geschehe: "Das künstlerische Feld weist eine feudale Struktur auf und nicht die eines entfeudalisierten Netzes", denn die Inklusion von KünstlerInnen werde durch Gatekeepers streng kontrolliert.
Das Titelthema von Springerin lautet "Ware Freundschaft", womit die Stoßrichtung schon angedeutet ist: eine Kritik an virtuellen und realen sozialen Beziehungen. Die Beiträge erfreuen durch ihre Distanz zur geläufigen Idiotie, die eine Kritik an sozialen Netzwerken auf das Ende der Freundschaft, wie wir sie kannten, reduziert.
Im Mittelpunkt eines weiteren Interviews, in dem Vera Tollmann mit dem Philosophen Byung Chul Han spricht, steht der Begriff der Positivität. Han schreibt der Positivität einen hegemonialen Status in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu und sieht sie im "I like"-Button auf Facebook institutionalisiert: Wenn man als User allein die Möglichkeit habe, sich affirmativ zur Welt in Beziehung zu setzen, komme es zu einem Verlust an Negativität - der virtuelle Raum werde zur "Hölle des Gleichen". Weder Freundschaft noch Freundlichkeit seien so möglich, da beides die Erfahrung von Differenz voraussetze.
Auch Jan Verwoert nähert sich dem Thema ungewohnt und bürstet die gängige Argumentation gegen den Strich: Für ihn sind weniger die wahren Werte bedroht als vielmehr die "falschen". Er vermisst die "halbtransparenten Formen von Kommunikation", etwa jene Art von Lüge, wie man sie aus der Diplomatie kennt. Die vorherrschende Doktrin der Transparenz etwa von WikiLeaks schade mit ihren ins Offene gezerrten Dokumenten vor allem der Diplomatie, die für eine "die unauflöslichen Widersprüche des Sozialen sensibilisierte Form des politischen Austauschs" stehe.
Dass auch das Individuum dem Diktum der Transparenz unterworfen ist, zeigt Alessandro Ludovico. Wie die Vorliebe moderner Architekten für Glas, die Lust der Modedesigner an transparenten Geweben, so eifere auch das Selbst der Transparenz nach. Ob der Sichtbarkeit seiner Vorlieben unternehme das "aufgewertete Selbst" permanent Updates, was zu einer Erosion von Identität in sozialen Netzwerken führe.
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Leserkommentare
08.01.2012 17:28 | tin
Ihr Artikel gefällt mir sehr gut Herr Goll! Schön gesampled, fantasievoll ausgeführt. Virtualität war schon immer Teil mens ...
27.12.2011 23:49 | Jakob
Demokratie heißt halt nunmal auch, dass man einfach dem Mainstream hinterlaufen kann oder immer die gleiche Suchmaschine ve ...