In der Luisenstrasse wehren sich Mieter gegen den Verkauf ihrer Häuser, steigende Mieten und Immobilienspekulation im Viertel. Doch tun können sie wenig von Jean-Philipp Baeck

Mit dem Verkauf der Häuser im Viertel kam der Gartenzaun. Die Anwohnerin spricht vom "Todesstreifen" Bild: Jean-Philipp Baeck
Ein mannshoher Palisaden-Zaun teilt den grünen Garten des Wohn-Karrees zwischen Sielwall, Luisenstrasse und Schildstrasse. Die Stützpfeiler sitzen tief in der Erde. Bis zum August hatten die MieterInnen den Garten noch gemeinsam genutzt. Dann ist eines Morgens ein stattlicher Bagger in der Hinterhof-Idylle aufgetaucht und hat die Erde umgegraben. Die AnwohnerInnen waren entsetzt. Den neuen Zaun nennen sie nur den "Todesstreifen". Er ist das sichtbarste Zeichen für den Verkauf ihrer Häuser.
Nun schimpfen sie über "Miethaie" und befürchten "Gentrifizierung". So heißt die Aufwertung vormals günstiger Wohnviertel, nachdem sich Künstler, Alternative und Studenten angesiedelt hatten und das Wohnquartier attraktiver machten. Ein Ausbreiten kapitalistischer Wirklichkeit, die mit Protest kaum aufzuhalten ist.
Über ein Jahrhundert lang gehörten die Häuser in der Luisen- und der Schildstrasse dem "Verein für Blinde". Am Sielwall hatte er seinen Sitz, die anderen Häuser wurden günstig vermietet. Manche MieterInnen wohnen seit 30 Jahren darin. Dann zog der Verein nach Schwachhausen. Die Bremer Firma Imogrund kaufte die acht Häuser Ende 2010 auf einen Streich, mit über 30 Mietparteien. Imogrund ist kein Wohltätigkeitsverein. Drei der Häuser wurden bereits wieder weiterverkauft. Eine Maklerfirma bewirbt im Internet deren "ruhige, aber zentrale Lage in Bremens aufsteigendem Kulturviertel". Dass darin noch Mieter wohnen, verschweigen die Anzeigen nicht. "Der Erwerber müsste bei Eigenbedarf kündigen", steht da. Und: "Die Mieten sind stark entwicklungsfähig." Imogrund-Geschäftsführer Carl-Hubertus Nitzsche versteht die Aufregung nicht. "Wer die Miete nicht zahlen kann, muss zum Sozialamt", sagt er. Ab November hat er manche der Mieten um 20 Prozent erhöht. Und den Garten aufgeteilt, nach Häusern getrennt. Zwei Eigentümer von Häusern am Körnerwall hatten das Land hinter ihren Häusern erworben und schützen es fortan gegen Eindringlinge. Den Zaun findet selbst Nitzsche "ziemlich hoch".
Dass eine Immobilienfirma ein ganzes Ensemble erwirbt, ist im Bremer Viertel selten. Die meisten Häuser sind einzeln in Familienbesitz. Verkauft wird nur, wenn Oma stirbt und die Erben ein wenig Geld machen wollen.
Vergangenen Mittwoch trafen sich die MieterInnen im Ortsamt Mitte mit Ortsamtsleiter Robert Bücking. Vier Stadtteil-Beiräte, von den Piraten, der SPD, der CDU waren gekommen. Auch sie wollen keine Gentrifizierung. "Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum im Viertel", sagte SPD-Beirat Jan Cassalette. Was die Beiräte tun können, will ein Anwohner wissen. "So gut wie nichts", sagt Siegfried Wegner-Kärsten von den Piraten. Die Immobilien sind nicht in öffentlicher Hand. Mieten dürfen an die der umliegenden Wohnungen angeglichen werden. Und mit Häusern Geschäfte zu machen, ist nicht verboten. "Das ist ja das Verbrechen", ruft ein Anwohner in die Runde. Der Rat ist ratlos.
Robert Bücking will mit dem Vermieter Nitzsche sprechen. Ansonsten bleibt nicht viel. Der Mieterhöhung haben alle zugestimmt, alle drei Jahre könnte es wieder 20 Prozent nach oben gehen. Wenn an den Häusern etwas saniert würde, könnten die Mieten noch weiter steigen.
Und Sanierungen, etwa zur verbesserten Wärmedämmung, lohnen sich für Bremens Hausbesitzer, weil die Immobilien auch bei einer späteren Mieterhöhung noch gefragt sind. Denn während in den äußeren Stadtteilen verlassene Mietskasernen abgerissen werden, steigen besonders in den zentrumsnahen Stadtteilen die Mieten stetig an. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewoba hat im Stadtgebiet so gut wie keine freien Wohnungen, weniger als ein Prozent steht leer. Laut Bremer Bauressort ist die Zahl freien Wohnraums für Bremen insgesamt nicht viel höher. Im September lobte die bremische Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft diese niedrige Leerstandsquote. Für Investoren sind das gute Zahlen. Für Mieter nicht.
Ein Mieter war erst vor ein paar Monaten in die Schildstrasse gezogen. Er hatte extra noch gefragt, wie lange er wohl dort wohnen könne. Keine Sorgen solle er sich machen, hatte der neue Vermieter Nitzsche gesagt. Noch als er mit Farbpinsel auf der Leiter stand, habe ein Mann geklingelt und gefragt, was er dafür haben wolle, wenn er gar nicht erst einzieht.
Irgendetwas wollen die MieterInnen gegen die Gentrifizierung machen. Natürlich nicht wie die Autonomen, die deshalb Autos anzünden. Auf dem Treffen im Ortsamt aber werden die Töne doch militanter. "Am besten sollten wir einfach alles besetzen, so wie früher", sagt eine Mieterin.
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Leserkommentare
15.12.2011 21:09 | Luise Schild
Ich kann der Empörung nur zustimmen. ...
13.12.2011 17:01 | Jürgen Schulz
Ich bin schockiert und frage mich welche wirtschaftliche Not denn überhaupt den (mit Sicherheit öffentlich geförderten) Bl ...