Norddeutschland ist das Lieblingsspielfeld der Agrarindustrie. Immer größere neue Stallanlagen sind geplant. Aber die BürgerInnen spielen nicht mehr mit: taz nord stellt Bündnisse, Initiativen und Vereine vor, die sich wehren. Heute: Schwarm-Intelligenz aus Springe.von BENNO SCHIRRMEISTER

Überwuchert: proMUT zeichnet ein treues Bild des Stallbau-Booms. Bild: promut.net/MaststallKarteGefluegel.html
Ohne sie hätte niemand den Überblick. "Wir wissen", sagt Ulrich Schulze vom Pro Mut-Verein in Springe, "dass auch Landmaschinen-Vertreter unsere Karte benutzen." Das war so nicht geplant. Es lässt sich aber nicht verhindern.
Denn was den Einen Synopse des Grauens, ist den Anderen eine Marktübersicht. Und die Karte auf der Website des Vereins zeichnet, Googlemaps basiert, ein treues Bild des Stallbau-Booms: Ganz überwuchert von blauen, roten und gelben Markierungen - Legehennen, Broiler, Mastputen - sind Westniedersachsen und nördliches Mecklenburg-Vorpommern. Dass es da auch so etwas wie Landschaften gibt, lässt sich im Zoom erkennen: Sieh an, Brockum, wo mit 258.000 Plätzen Niedersachsens größte Mastanlage entsteht, liegt mitten im Naturpark Dümmer!
"Vollständig wird die Karte wohl nie", sagt Schulze. Die Kreisverwaltungen schweigen meist - obwohl sie ja die Anlagen genehmigen. Man ist auf Hinweise angewiesen. Aber die Karte wächst. Wie der Verein - und sein Ruf: Schon gehört er zum Koordinierungskreis des bundesweiten Bündnisses "Bauernhöfe statt Agrarfabriken", neben altbewährten Organisationen wie dem Evangelischen Entwicklungsdienst, dem Tierschutzbund, Pro Vieh oder dem BUND. Dabei gibts den Verein für Menschen, Umwelt und Tiere - Pro Mut - erst seit Herbst. Und die Bürgerinitiative (BI) Springe, aus der er hervorging, hatte sich auch erst gegründet, nach einem Bericht der Lokalzeitung über eine geplante Mastanlage im Ortsteil Boitzum am 30. April 2010. Deren Genehmigung versucht man nach wie vor zu verhindern, die BI arbeitet weiter.
Aber die Stärke von Inis, die unmittelbare Betroffenheit ihrer Mitglieder, das klar definierte, lokale Problem, ist oft auch ihre Schwäche: Sie neigen zum Sankt-Florianismus. Und sie rennen gegen ihre kommunale Verwaltung an. Oft lässt man sie da nur auflaufen. "So sind halt die Gesetze - das ist der Standardspruch", sagt Schulz. In den flüchten sich alle, die ein Thema nicht angehen wollen. Aber Gesetze sind nicht einfach so, sie sind nicht starr. Und die Ignoranz von Anliegen fällt schwerer, wenn sich die Organisationsform verfestigt, sich der Problemkreis erweitert, sich die Gruppe vergrößert. "Wir haben schnell gemerkt, dass um uns herum das Gleiche passiert", sagt Schulz, "und dann die anderen BIs aus unserer Region hier eingeladen - damit man sich gegenseitig unterstützen kann." Aus dem Treffen hervorgegangen ist das Bündnis der Calenberger Initiativen - benannt nach der Gegend zwischen Deister und Leine, südwestlich von Hannover. Für viele ist die Region Hannover die Genehmigungsbehörde. Auf deren Gebiet ist noch kein industrieller Stall genehmigt. Demnächst entscheidet die Verwaltung über eine beantragte Anlage für 84.000 Broiler in Großmunzel. Ein Präzedenzfall, wichtig, weils vom Calenberger Land nur ein Eierwurf ist bis Wietze.
Pro Mut verfolgt einen solidarischen Ansatz, also das Gegenteil des Sankt Florians-Prinzips. Und viel effizienter. Denn die meisten Menschen sind weder Agrarwissenschaftler noch Verwaltungsrechtler. Schulze etwa ist Zahnarzt, in der Gruppe machen Rentner mit und junge Familien, Selbstständige und Angestellte, "wirklich quer durch die Bevölkerung", so Schulze.
Klar hat die Gegenseite einen Wissensvorsprung. Aber der schmilzt rapide, wenn man Fachwissen, Gutachten, Einzelerfahrungen sammelt, aufbereitet und zugänglich macht. Dann wird plötzlich, für jede neue BI zum Allgemeinwissen, wie die Gesetze wirklich sind, welche bau- und umweltrechtlichen Mängel bisherige Genehmigungen haben, und wo man Gleichgesinnte findet. Und dann muss selbst die Gegenseite auf die Online-Ressourcen des Widerstands zugreifen: Um sich den Überblick zu verschaffen, über die Wucherungen des eigenen Gewerbes.
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