Autor Roland Seidl über Schule
"Der Gleichschritt ist das große Übel"
Schulen leiden unter der Methode "Gleichschritt": Alle das Gleiche in der gleichen Zeit. Eine Änderung der Lernkultur ist jedoch schwierig, sagt der Lehrer und Buchautor Roland Seidl.von Christian Füller & Anne Nill
Leserkommentare
22.08.2010 22:42 Uhr
von Robert Schneidedr:
@Carsten Bittner Schade, dass Ihnen zum Thema wieder nichts einfällt, als Ihre WWL-Kampfbegriffe.
Das, was Sie als "Einheitsschule" diffamieren, ist in Wirklichkeit die "Vielfaltschule" und hat die Heterogenität der Schüler zur Geschäftsgrundlage.
Nehmen Sie doch einfach mal Ihre WWL-Ideologie-Scheuklappen ab und gucken Sie sich die Heterogenität an, die tatsächlich in unseren Schulen herrscht: schon an Gymnasien haben wir Lernstandsunterschiede von 100% (an den anderen Schulformen ist es deutlich schlimmer). Erklären Sie uns doch einmal, wie eine Klasse gleichschrittig unterrichtet werden soll, wenn der beste Schüler doppelt so gut/schnell lernt, wie der schlechteste.
Nicht ist ungerechter, als die Gleichbehandlung von ungleichen. Und präzise das sind die Gymnasien gezwungen, Tag für Tag zu tun.
Erklären Sie uns doch bitte einmal, warum es Blindenschulen gibt, aber keine Blinden-Gymnasien, Blinden-Realschulen, Blinden-Hauptschulen. Sorgt Blindheit automatisch für den Einheits-Schüler?
21.08.2010 15:33 Uhr
von Clara:
Ein sehr tendenziöses Interview, in dem ausschließlich unkritische Fragen gestellt werden, die die Selbstdarstellung des Autors und seiner Methode bejubeln.
Solange derart ideologisch motiviert und pauschalisiert Schulpolitik gemacht wird, kann aus meiner Sicht nichts Gutes dabei heraus kommen.
19.08.2010 12:38 Uhr
von G.S.:
Meiner Ansicht nach ein hochklassiges Interview; - Danke an beide Parteien! Ich entnehme ihm, und da bestärken mich die Kommentare, dass unsere Schulen tatsächlich mal wieder im Dreck stecken. Schuld daran sind meines Erachtens aber weder die Didaktik als Theorielieferant noch die Polititk in ihrem unzweifelhaften Bemühen, es allen Recht zu machen (Stichwort "Stimmvieh"), sondern einzig und allein das Deutsche Schulsystem mit einer praktisch nicht vorhandenen Leistungsorientierung, - nein, nicht der Schüler, - sondern dem System der Schulträger, der der Lehrer, Ihrer Vergütung (und großenteils noch beamtenrechtlichen "Besoldung"). Es fehlt insbesondere an einem System der regelmäßigen Leistungsbewertung durch die Institution selber (Stichwort "Zielvereinbarungen"), durch die Schüler, Gremien, Eltern, also die "Kunden" der Schule. Es fehlt allerdings zuallererst an einem übergeordneten Qualitätsmanagement der Instiution Schule mit einem gelebten System der Verbesserung.
Wer meint, dass eine generelle "Kunden-/Leistungsorientierung" in der öffentlichen Schule nicht anwendbar ist, der möge sich doch bitte mal im Bereich der Privatschulen informieren, oder in Ländern, in denen es keinen verbeamteten Berufsstand der Lehrer, Dozenten, Professoren, Pastoren gibt.
Ich weiß, dass die explizite Einführung solch eines Systems in den letzten 20 Jahren so manches Wirtschaftsunternehmen gerade noch vor dem Ruin gerettet hat, und bin überzeugt, dass die Schule als Spiegel der Gesellschaft kein Schutzraum für Menschen sein kann, in dem völlig eigene Regeln gelten. Und dies gilt nun mal insebesondere auch für diejenigen, die das Produkt Schule herstellen!
18.08.2010 17:43 Uhr
von Peter Schwarzmüller:
@J.S.
"Der einzelne Schüler kann doch viel eher und verläßlicher sagen, was er braucht oder wissen will."
Dann werde ich mal morgen in meine 7. Klasse Mathe gehen und fragen was sie so an Mathewissen brauchen. Dann kann ich im Anschluss daran vielleicht mit 3 Schülern weiter arbeiten und die anderen kuscheln noch etwas...
@mfstaiger
Vielen Dank für Ihren Einwand, der eigentlich keiner ist, sondern genau das betont, was ich auch sehe: Ein Schüler, der lernen möchte, der darf auch lernen und findet immer Lehrer, die ihn gerne unterstützen. Denn sobald ein Lehrer merkt, dass sein Engagement von Schülern gewollt ist, dann findet er auch Wege zu fördern und zu fordern - und das sogar unabhängig von finanziellen/zeitlichen Rahmenbedingungen der Schule. Die Lehrer sind nicht immer Schuld, wenn wir von unmotivierten Schülern sprechen: Es soll tatsächlich einige Schüler geben, die sind unmotivierbar und manchmal auch unbelehrbar...
Lehrer sind meistens keine faulen Beamtensäcke und Lehrer wollen auch im Normalfall dem Schüler (egal wieviel der lernt oder nicht) nichts Böses.
http://www.BlogBildung.net
Schule.Bildung.Zukunft
18.08.2010 15:51 Uhr
von Carsten Bittner:
Gleichschritt nein, aber Einheitsschule ja? Das ist ziemlich widersprüchlich. Wo sollen denn die Kinder hin, die, wie Herr Seidl sagt, nach drei Jahren mit der Grundschule schon durch sind? Zwei Jahre "nachdienen" als Hilfspädagogen für ihre langsameren Mitschüler? Oder etwa doch auf eine weiterführende Schule?
18.08.2010 14:42 Uhr
von Kreuzberger:
Ziemlich seltsam, dass selbst in solch einem Forum Kahl und Seidl nicht einhellig unterstützt werden. Stattdessen lese ich das Lamento angeblicher Kollegen, die so tun, als täten sie schon alles.
Gerade die genannte Ruhrpottgesamtschule bräuchte individualisierte Lehr-Lernkonzepte und würde mit dem Erfolg Ihrer SchülerInnen und der Arbeitszufriedenheit der KollegInnen belohnt.
Ich könnte nicht SchülerInnen und LehrerInnen unterrichten, wenn ich nicht glauben würde, dass sie lernen wollen.
Differenziert, individualisiert, anspruchsvoll gegen sich und die Welt.
Vielen Dank für das gehaltvolle Gespräch mit Herrn Seidl.
Weiter so!
PS: Ist Anne Nill ein Künstlername - sehr komisch. Grüße an CF.
18.08.2010 12:07 Uhr
von mfstaiger:
@Peter Schwarzmüller
Ich bin damals in den 80-er von einer sehr schweren Realschule auf eine niveau-arme Hauptschule geflogen.
Mein Englischlehrer (Danke nochmal, Herr Tummerer!) nahm sich meiner Kritik über die für mein Leistungsstand viel zu leichten Englisch-Arbeiten an und konzipierte für mich extra eine andere Aufgabenstellung, damit ich gefordert werde, denn ich wollte ja schliesslich den Realschulabschluss nachmachen. Durch seine Mühe, die er sich damals gemacht hatte, konnte ich später auf der Handelsschule den Anforderungen an dem Englischunterricht gerecht werden und bestehen. Nur mal so als kleines Beispiel.
18.08.2010 11:22 Uhr
von J.S.:
Vielen Dank an die Interviewer und den Interviewten. Ich habe lange nicht eine so klare Analyse gelesen.
Darüber, daß Veränderungen anstehen, müssen wir ja hier wohl nicht debattieren.
- Ich werde das Buch wohl lesen müssen.
an Peter Schwarzmüller: Das "Abdriften in die Beliebigkeit des Gelernten" geben doch eher starre Rahmenlehrpläne vor! Wer kann denn sicher sagen, wer was wann wie zu lernen hat? Der einzelne Schüler kann doch viel eher und verläßlicher sagen, was er braucht oder wissen will.
18.08.2010 09:16 Uhr
von Bitte Anonym wegen Dienstherren:
Ich kann dieses Pauschalgeschreibsel von wegen "das System sei Schuld" einfach nicht mehr hören. Wie stellt sich das denn Herr Seidl konkret vor, wenn er verlangt, dass jeder Sch. in seinem eigenen Tempo lernen solle? Diese Debatte haben wir seit Jahrzehnten und wurde zum Teil dadurch versucht zu beheben, kleinere Gruppen durch individuelle Fördermassnahmen zu bestärken. Will er uns tatsächlich erzählen, dass er an einer hessischen Gesamtschule (wo die Schulwelt auch noch in Ordnung ist), im Idealfall jeden seiner 30 Schüler mit speziell ausgesuchten Aufgaben für jedes Lerntempo betreut und dies neben Büchern, die er hoffentlich in seiner Freizeit schreibt, betreut ? Wenn Sie schon über das System schimpfen und den Schülern wieder einmal jegliche Form von Selbstverantwortung und eigenen Pflichten (denn die haben auch Schüler)abnehmen wollen, ganz dem allgemeinen Tenor entsprechend dass diese ja generell völlig überfordert werden in unserer Anti-Spass Schule, sollte er mal da beginnen, dass in einem Kollegium 3 unterschiedlich bezahlte Lehrertypen unterrichte, die alle unterschiedlich verdienen. Dann sollte er von Beamten erzählen, die kaum dass sie die Urkunde in der Tasche haben, entweder schwanger werden oder krank. Das System ist so wie es ist, und das können nur die Politiker und die Minister ändern. Wie sollen wir denn z.B. eine Klassenarbeit stellen ? Wollen Sie für jeden Schüler eine eigene Stellen ? Die Lehrpläne sind so wie sie sind (übrigens noch auf 13 Jahre ausgelegt) und in den zentralen Abschlussprüfungen wissen wir nicht, was abgefragt wird, also müssen wir alle Lehrbücher komplett "durchziehen". Früher, als man höchst unnütze Themen noch weglassen konnte, hatte man auch die Zeit, mal mehr auf die Bedürfnisse der Sch. einzugehen. Eine weiterer Schwachpunkt ist die Tatsache, dass z.B. an Hauptschulen mittlerweile im Halbjahrestakt Kollegien auseinander gerissen werden, da die Schulräte die Kollegen abordnen wegen sinkender Schülerzahlen und Verteilungsschlüsseln ? Ich möchte Herrn Seidl mal hier im Ruhrgebiet in einer 32er Gesamtschulklasse in Herne, Gelsenkirchen oder Bottrop erleben, wenn ich so was lese kommt einem die Wut, echt.
18.08.2010 09:03 Uhr
von Hella Meyer:
wie schön, dass die Stimmen endlich lauter werden, die erkannt haben, dass die Neugier, die jedes Kind von Geburt an mit auf die Welt bringt, das beste Potenzial zu lernen ist. Jahrzentelang wurde dies in den ersten Schuljahren kontinuierlich platt gemacht, bis der Schüler aufhört Fragen zu stellen und nur noch lernt, damit die NOten stimmen. Wenn Lernen nachhaltig sein soll, muss das Lernklima stimmen und wenn es Spaß macht ist jedes Kind auch motiviert zu lernen. Außerdem ist beim gemeinsamen Lernen auch die soziale Kompetenz mit angesprochen, was mindestens genauso wichtig ist wie der Lernstoff.
Wann kommt das endlich in den Köpfen der Bildungspolitiker an? Ich wünsche allen Pädagogen die Kraft, sich gegen sinnlose Anordnungen zu widersetzen und ihre Kraft zu bündeln für die Erneuerung der Schule von innen.
18.08.2010 08:40 Uhr
von Detlef Wulff:
Der Analyse von Herrn Seidl kann ich so nicht folgen.
Statt des Gleichschritts ist schon lange der Grundsatz "Fordern und Fördern" die pädagogische Maxime. Wenn man allerdings das "Fördern" schlicht nicht umsetzt, kommt das heraus, was Herr Seidl beschreibt.
"Fördern" geht nicht kostenneutral. Das Wichtigste ist die entsprechende Aufstockung des Personals, so wie in den skandinavischen Ländern.
Die KollegInnen haben sich den neuen Anforderungen schon längst gestellt, etwa durch Fortbildungen, und warten nur darauf, dass die Voraussetzungen durch adäquate Rahmenbedingungen (Personal, Räume, Material) erfüllt werden.
Um Inhalte, die erfüllt werden müssen, von denen Herr Seidl spricht, geht es schon längst nicht mehr. Selbst in den schulinternen Curricula ist der Kompetenzbegriff der Schlüssel zum Erfolg.
18.08.2010 06:42 Uhr
von Frank Gröger:
Ein inhaltsarmes Interview. Ich vermisse konkrete Vorschläge.
17.08.2010 20:56 Uhr
von Peter Schwarzmüller:
Nun würde mich aber interessieren, wie Herr Seidl seine Erfolge belegt. Seitdem es Schule gibt, gibt es Menschen, die meinen zu wissen, wie Schule auszusehen hat. Bevor hier für eine innere Reform der Schulen plädiert wird und (wieder) angefangen wird zu experimentieren, sodass am Ende jeder sein eigenes Süppchen kocht, möchte ich wissen:
1.) Wissen die Schüler von Herrn Seidl nach einem Jahr wirklich mehr, als es intellektuell vergleichbare Schüler herkömmlicher Schulen tun? Gibt es Belege oder fußen Seidls Ausführungen auf persönlichen Erfahrungen?
2.) Ist es nicht naiv zu glauben, dass Schüler bessere Leistungen bringen, wenn ich sie nicht mehr beurteile und ihrem Lerntempo und ihren Interessen überlasse? Von der Bildungsrepublik zur Spaß- und Freizeitbeschäftigung Lernen? Doch nicht im Ernst!
3.) Wie schützt Herr Seidl eine Gemeinschaftsschule vor dem Abdriften in die Beliebigkeit des Gelernten? Wird es dann auch keine Abschlusszeugnisse mehr geben? Gibt es an Unis und in Ausbildungsbetrieben Leistungstests, die dem Schüler endlich einmal sagen, ob sie etwas gelernt haben?
4.) Wie lange werden Schüler die Gemeinschaftsschule besuchen, wenn sie nicht mehr im Gleichschritt marschieren und sich ihrem individuellen Lerntempo hingeben?
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17.08.2010 19:58 Uhr
von Joe:
Volle Punktzahl für den Autor! Mir ist das "Bullimielernen", bei dem per Kurzzeitgedächtnis die Note optimiert wird, schon zu meiner Schulzeit in den 80er Jahren aufgestoßen, aber da hat das noch niemanden interessiert. Wird Zeit, dass sich das ändert!
17.08.2010 19:40 Uhr
von Detlef Wulff :
Der Analyse von Herrn Seidl kann ich so nicht folgen.
Statt des Gleichschritts ist schon lange der Grundsatz "Fordern und Fördern" die pädagogische Maxime. Wenn man allerdings das "Fördern" schlicht nicht umsetzt, kommt das heraus, was Herr Seidl beschreibt.
"Fördern" geht nicht kostenneutral. Das Wichtigste ist die entsprechende Aufstockung des Personals, so wie in den skandinavischen Ländern.
Die KollegInnen haben sich den neuen Anforderungen schon längst gestellt, etwa durch Fortbildungen, und warten nur darauf, dass die Voraussetzungen durch adäquate Rahmenbedingungen (Personal, Räume, Material) erfüllt werden.
Um Inhalte, die erfüllt werden müssen, von denen Herr Seidl spricht, geht es schon längst nicht mehr. Selbst in den schulinternen Curricula ist der Kompetenzbegriff der Schlüssel zum Erfolg.