• 27.01.2012

Album von Chinese Man

Grabräuber im Dienste des HipHop

Chinese Mans "Racing With The Sun" ist der Soundtrack eines imaginären Films mit fiktiven Charakteren wie Miss Chang oder Ugly Panda.von Elise Graton

"Wir setzen auf die Fantasie unserer Hörer", sagen Chinese Man.  Bild:  Screenshot: Youtube

Das Coverartwork der beiden ersten Chinese-Man-Alben, 2004 und 2007 jeweils auf ihrem eigenen Label veröffentlicht, zeigt Kinder vor dem Schild einer japanischen Stadt und kambodschanische Teenager. Zugegeben: Chinese Man mögen asiatisches Kino und finden Zen-Buddhismus interessant. Ansonsten gibt es keine tiefere Verbindung zwischen dem südfranzösischen DJ-Kollektiv Chinese Man und der Bevölkerung Asiens.

2004 gründete sich die Crew - bestehend aus den DJs Zé Mateo, High Ku und SLY, drei Jungs aus Marseille. "Chinese man, chinese man", wiederholt einer der Gangster im Thriller "Ocean's Eleven". Aus diesem Satzfetzen bastelte die Crew ihren Signatur-Track, leitete den Bandnamen ab und eine Lebensphilosophie: "Wir stellen uns einen Weisen vor, der die Welt bereist, auf der Suche nach seltenen Sounds", sagt Zé Mateo.

Cratediggin', die pure Plattensammelfreude und damit verbunden Entdeckerlust an erlesenen Samples aus der Musik- und Filmwelt treibt das Trio an. 2008 wählte Mercedes Ihren jazzy HipHop-Track "I've Got That Tune" auch für einen Werbespot aus und machte sie damit berühmt.

Nun erscheint ihr neues Album "Racing With The Sun". Auf dem Cover: der Schatten eines Reiters mit chinesischem Strohhut. Sie seien zwar keine Puristen, doch ihre Collagen würden zu 100 Prozent aus Vinyl bestehen. Am Anfang eines jeden neuen Titels stehe immer ein einziges Soundfragment, eine Stimme oder kurze Melodie. "Selbst der Klang der alten Tonaufnahme ist uns dabei wichtig", sagt SLY. "Es wäre viel zu mühsam, zu versuchen, ihn nachzuspielen." Nur selten würden sie InstrumentalistInnen hinzuziehen, lieber fragen sie jeden einzelnen Originalinterpreten nach den Urheberrechten.

Zum Beispiel die Gospelsängerin Ella Jenkins, deren Song "Racing With The Sun" aus dem Jahr 1960 auch gleich den Titel für das Chinese-Man-Album spendete. "Erst als die Aufnahmen fertig waren, überlegten wir uns einen Albumtitel" erzählt Zé Mateo. "Dieser steht für alles, was uns ausmacht und in unseren Tracks thematisiert wird: die Sonne, das Rennen, die Suche." Ella Jenkins' Zusage gab ihnen dabei Auftrieb.

Im Kreis der Familien

Die Sample-Suche der Chinese Man fing zunächst im Kreis der eigenen Familien an: Vor allem Jazz, Funk und Soul gruben sie aus den verstaubten Plattenkisten ihrer "vielen Tanten und Onkel". Selbst die Plattensammlung eines weitgereisten Großvaters wurde um orientalische und asiatische Klassiker geplündert. Es sei nicht immer einfach gewesen, all die alten Schellacks zu digitalisieren. Auf Tour in San Francisco, Rio de Janeiro und Jakarta frequentierten sie überall Plattenläden und Flohmärkte, in denen sie fündig wurden und Gleichgesinnte trafen: Die Indonesier Dubyouth und Jogja Foundation, die Amerikaner Lush One und die Ex-I Crew. Alle wurden eingeladen, an "Racing With The Sun" mitzuwirken.

Das entstandene Album ist der Soundtrack eines imaginären Films: In Zusammenarbeit mit ihrem Grafiker und ihren VJs entwickelte die Chinese Man einen Haufen fiktiver Charaktere, wie etwa Miss Chang, The King oder Ugly Panda, die jeweils einen Song bevölkern. Die einzelnen Erzählungen illustrieren ihre DJ-Auftritte. "Aber sie sind innerhalb unserer Shows modulierbar" sagt SLY. "Eine klassische Geschichte mit Anfang und Ende erzählen wir nicht. Wir setzen auf die Fantasie unserer Hörer." Eher geht es der Crew um eine dichte, filmische Atmosphäre: ein seltsamer Western, verortet in einer öden Wüste, unweit einer brasilianischen Favela, inmitten des indonesischen Urwalds.

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